2. Heidschnucken Ultra (111 km + „Strafkilometer“)

Am 19.04.2014 war es soweit: Mit dem 2. Heidschnucken Ultra über 111 km stand mein bisher längster Lauf auf dem Plan.

Bisher war der Süntel Trail mit 50 Meilen (ca. 80,3 Kilometer) und 2600 Höhenmetern mein weitester und härtester Lauf. Nun sollte es also noch einmal über dreißig Kilometer weiter gehen. Allerdings rechnete ich mit einem flacheren Profil. Wir sind ja hier in Norddeutschland. Und wo gibt es da schon Berge? Hmmm… Gut, der Piesberg in Osnabrück ist nicht ohne, aber auch nur, wenn man da mehrfach rauf- und runterläuft. Andererseits… Viele Hügelchen können bei 111 Kilometern bestimmt auch weh tun… Ach, egal. In der Ausschreibung steht nur etwas von einer anspruchsvollen Strecke, bei der es munter rauf und runter geht. Von Höhenmetern steht da nichts. Werden also schon nicht sooo viele sein.

Am Samstag sind wir zu dritt (Simone (meine Frau), Eri (meine Schwiegermutter) und ich) mit zwei Autos nach Hamburg gefahren. Dort habe ich meinen Wagen in der Nähe des Ziels abgestellt. Danach sind wir Richtung Soltau weiter gefahren. Einen längeren Zwischenhalt mit Picknick und Spaziergang in der Heide und Besuch der Schwindebach Quelle haben wir uns dabei gegönnt. Bei dem regnerischen Wetter mit leichten Hageleinlagen war das ganz lustig. Dann ging es weiter nach Soltau, wo wir uns in Ruhe das Spielzeugmuseum angesehen haben. Irgendwie war der Tag dann auch schon vorbei. Wir haben uns verabschiedet. Ich habe im Hotel meinen Wecker auf 03:45 Uhr gestellt, konnte aber nicht sofort einschlafen. Einen oder zwei Filme später ging das aber doch.

Der Wecker hat pünktlich geklingelt. Also hieß es aufstehen, Morgenrituale durchziehen, Laufsachen anziehen, Tasche mit Wechselsachen etc. für das Ziel packen und ab zum Frühstück. Das Hotel hatte angekündigt für uns Läufer bereits ab 03:30 Uhr Frühstück bereitstellen zu wollen. Anscheinend hat das nicht ganz funktioniert. Als ich um 04:30 Uhr am Tisch saß, war alles prima. Aber die Läufer, die vor mir frühstücken wollten, mussten wohl eine Weile warten. Hat aber dann wohl doch noch alles geklappt – alle sind satt geworden.

Um ca. 5:15 Uhr habe ich mich auf den Weg zum Start gemacht. Ca. 300 Meter vom Hotel entfernt. Dort habe ich die anderen Läufer getroffen, die sich für die Startzeit 06:00 Uhr entschieden hatten. Es gab drei mögliche Startzeiten: 05:00 Uhr, 06:00 Uhr und 07:00 Uhr. Je nachdem, wie lange man zu brauchen glaubte, konnte man sich seine passende Startzeit aussuchen. Alle Läufer hatten bis 02:00 Uhr in der nächsten Nacht Zeit das Ziel zu erreichen. Ich hatte mich ursprünglich für die Startzeit 05:00 Uhr gemeldet, weil ich mit diesen extrem langen Strecken ja keine Erfahrungen habe. Nach den doch recht guten Läufen der letzten Zeit hatte ich mich dann aber doch für 06:00 Uhr umentschieden. Am letzten Wochenende bin ich insgesamt ca. 92 Kilometer in ca. 10 Stunden gelaufen. 19 Kilometer mehr hätten vielleicht 12,5 Stunden bedeutet. Dann noch einbezogen, dass es hügelig sein würde und dass ich das ja an einem Stück ohne Schlafpause etc. laufen muss… Hmmm… Ich hatte geglaubt das Ding in ca. 14 bis 15 Stunden durchziehen zu können, längstenfalls in 16 Stunden. Ich wäre ja eigentlich gerne trotzdem bei der frühen Startzeit geblieben, musste aber einkalkulieren, dass die ersten beiden Verpflegungspunkte und Wasserstellen dann eventuell noch nicht besetzt sein könnten, wenn ich da ankomme.

Bei den 05:00 Uhr Startern gab es wegen des verzögerten Frühstücks auch eine kleine Verzögerung beim Start. Bei uns 06:00 Uhr Startern lief alles pünktlich ab. Frank gab uns noch eine kurze Einweisung und wies auf einige besondere Stellen der Strecke hin, bei denen wir gut aufpassen sollten um auf dem Weg zu bleiben und keine Umwege zu laufen. Und dann ging es auch schon los.

BildDas erste "H" von vielen

Es waren bis zu 18 Grad angekündigt. Ich hatte deshalb kurze Sachen angezogen. So früh am Morgen war es aber noch bitterkalt. Man konnte noch deutlich seinen Atem sehen und die Hände wurden sehr eisig. Deshalb, und weil alle anderen Läufer zumindest ein langes Oberteil anhatten, habe ich mich kurz vor dem Start doch noch einmal umgezogen und bin in Dreiviertelhose und mit langem Oberteil, aber ohne Jacke oder Handschuhe, gestartet. Anfangs war das auch noch sehr kalt. Das hat sich aber schnell gelegt. Und als die Sonne da war, war das Wetter einfach herrlich und meine Kleidung genau richtig. Spät am Abend und wurde mir dann wieder etwas kalt. Das war aber auszuhalten.

Die Strecke war anscheinend nur 110,8 Kilometer lang. Damit wir auf die in der Ausschreibung angekündigten 111 Kilometer kommen, mussten wir im Park beim Start eine kleine Schleife laufen. 100 Meter in die eine Richtung, dann wieder zurück und dann richtig los. Nach diesen 200 Metern habe ich mich das erste Mal verlaufen, wurde aber nach ca. 5 Metern schon zurückgerufen und in die richtige Richtung geschickt. Allerdings hatte ich auch keine Ahnung an welcher Stelle der Weg überhaupt beginnt.

Nun ging es also richtig los. Die Strecke war natürlich nicht abgesperrt. Es gab auch keine Pfeile auf dem Boden aus Kreide, Holzspänen oder Sand oder sowas. Der Lauf folgte ab Soltau bis Hamburg dem Heidschnucken Weg. Das ist ein offizieller Wanderweg mit insgesamt über 200 Kilometern Länge. Der Weg ist an allen Gabelungen und heiklen Punkten mit einem weißen „H“ auf einem schwarzen Quadrat gekennzeichnet. Bei Richtungsänderungen war zusätzlich noch ein Pfeil angebracht, ansonsten nichts oder der kleine Schriftzug „Heidschnucken Weg“. Die Hauptaufgabe bei diesem Lauf war es, neben dem Schaffen der Strecke, nicht zu häufig vom Weg abzukommen und den „H“s zu folgen. Erst ab Langenrehm, 11,9 Kilometer vor dem Ziel, sollten wir den Heidschnucken Weg verlassen und den Anweisungen des vorab per E-Mail verteilten Roadbooks folgen. Neben den „H“s hatten wir als Teil der Pflichtausrüstung die offizielle Wanderkarte des Heidschnucken Wegs dabei.

Die anderen Läufer begannen recht flott. Pace ca. 06:00 min/km. Normalerweise kein Problem. Aber zum Einen spürte ich doch die Belastung des Doppeldeckers der Vorwoche und zum Anderen hatte ich mir vorgenommen, ganz langsam zu beginnen. Der Lauf war noch lang genug. Da muss man das Pulver nicht sofort verschießen, nur weil man einer schnelleren Gruppe folgt. Die ersten ca. zwei Kilometer bin ich aber trotzdem bei den anderen geblieben. Gleich nach einigen Hundert Metern rannten alle über eine Brücke. Nur ich als Letzter hatte gesehen, dass an dem „H“ auf dem Pfeiler vor der Brücke ein Pfeil nach rechts abgebildet war. Also alle zurückgerufen und rechts herum. „Wow, ich habe das System schon verstanden. Wenn das so weitergeht, werde ich mich heute nicht groß verlaufen“, dachte ich da, stolz als Einziger in der Gruppe den Fehler bemerkt zu haben. Aber da hatte ich mich etwas zu früh gefreut…

Nach ca. zwei Kilometern kamen wir an einem See vorbei, der wunderschön im morgendlichen Nebel lag. Ein Schwan legte gerade eine Bilderbuchlandung hin. Da musste ich einfach stehen bleiben und ein Foto machen. Und schwupps waren alle anderen weg. Ich war ganz hinten. Das war mir aber auch ganz recht so. Ich wollte das Tempo ja eh nicht mitmachen.

BildBildBild

Also ganz gemütlich weiter gelaufen. Fühlte sich langsam gut an. Die Lust auf den Lauf steigerte sich. Alles lag noch im Frühnebel und sah einfach schön aus. Recht waldig. Ich hatte nicht gedacht, dass es direkt in Soltau so naturnah losgeht. Eigentlich hatte ich mit viel mehr Straßen und Häusern gerechnet und gedacht, dass wir einfach irgendwann aus der Stadt in die Heide laufen würden. Aber nein, immer wieder kamen Waldgebiete und nur selten mal Häuser und Ortschaften.

Nach einiger Zeit holte ich Bernd ein, der das Tempo der Gruppe ebenfalls nicht mitlaufen wollte. Wir quatschten ein wenig und liefen in angenehmem Tempo vor uns her als wir plötzlich aus dem Wald herauskamen. Da war wieder ein „H“ mit einem Pfeil nach rechts. Wir befanden uns an einer breiten Straße. Direkt gegenüber war der Eingangsbereich des Heideparks Soltau – und wir kamen da aus einer unscheinbaren Stelle des Gebüschs gestolpert. Hmmm… Der Pfeil zeigte nach rechts, die Straße entlang. Nun gut, schnell ein Foto gemacht und dann der Straße gefolgt. Seltsam, keine „H“s am Rand. Frank hatte doch gesagt: „Wenn Ihr 500 Meter lang kein ‚H‘ seht, seid Ihr falsch!“. Das waren doch jetzt ungefähr 500 Meter, und kein „H“ in Sicht. Egal, da vorne ist ein Kreisel. Bis dahin laufen wir und schauen da mal nach einem „H“. Gesagt, getan. Lustigerweise sind wir am Vortag mit dem Auto an genau diesem Kreisel vorbeigefahren und hatten kurz über einen Fotostopp nachgedacht, dann aber doch keinen gemacht. Nun war ich zu Fuß da und konnte mal kurz ein Bildchen knipsen. Einmal um den Kreisel gelaufen und „H“s gesucht. Aber keine gefunden. Mist, doch falsch. Also doch mal die Karte zur Hand genommen. Aha. Beim Heidepark hätten wir an den Kassenhäuschen vorbei gemusst. Nun gut, wieder zurückgelaufen. Das war ca. 1 Kilometer. Hin- und zurück… Also zwei Kilometer. Irgendwo hatten wir ein „H“ übersehen, dass uns dann wohl über die Straße geschickt hätte. Wir mussten ein wenig suchen, dann hatten wir die Fährte wieder aufgenommen und waren uns sicher wieder auf dem richtigen Weg zu sein.

BildBildHier war ich falsch. Aber ein Bildchen musste sein...Ein "H" - leider das Falsche!Bild

Kurz vorher hatten wir uns auch schon einmal verlaufen, aber nicht sehr weit. Dort, mitten im Wald, gab es eine Abzweigung. An beiden Bäumen vor dieser Abzweigung befand sich jeweils ein „H“. Das sah aus wie ein Tor. Für uns ein klares Zeichen: Da müssen wir durch. Nach ca. 200 Metern kam uns der Weg seltsam vor und wir sind wieder umgekehrt. Tatsächlich war das „H“ an dem einen Baum für uns einfach das Zeichen „Ihr seid hier richtig“. Das „H“ an dem anderen Baum war einfach die Markierung für die andere Richtung. Der Heidschnucken Weg ist ja beidseitig belaufbar und entsprechend in beide Richtungen markiert. Das war einfach das Zeichen „Ihr seid hier richtig“ für Leute, die in der anderen Richtung unterwegs waren. Die wichtige Lektion, die wir hier gelernt haben: „Ein ‚H‘ ohne Pfeil heißt: Alles gut, einfach weiterlaufen. Nur bei einem ‚H‘ mit Pfeil die Richtung ändern.“

Nachdem wir den Heidepark hinter uns hatten kamen wir langsam in die typischen weiten Heidelandschaften. Immer abwechselnd waldiges Gebiet und weite Heideflächen. Später wurden die Flächen immer weiter und größer, aber schon hier sah das alles sehr gut aus. Mit den „H“s hatten wir nun erst einmal keine Probleme mehr. Bernd und ich liefen lange Strecken gemeinsam. Gelegentlich hat einer von uns mal kurz angehalten oder ist langsamer geworden. Spätestens, wenn der andere dann mal langsamer wurde, haben wir aber wieder zueinander aufgeschlossen und sind wieder gemeinsam gelaufen.

BildBildBildBild

Ungefähr bei Kilometer 30 wurde es sehr hügelig. Da mussten wir durch ein waldiges Gebiet regelrecht klettern. Oben angelangt wurden wir aber auch angemessen belohnt: Wir hatten einen tollen Blick in ein Tal voller Heide. Uns als Bonus ging es nun am Rande des Tals einen wunderschönen Pfad sanft hinab. Prima zum Laufen. Und zum Schauen. Die Sonne war nun auch draußen. Ein beinahe perfekter Moment.

BildBild

Der Schreckmoment

Ich bin den Weg hinuntergelaufen, dann ging es rechts rein, weg von diesem schönen Tal. Rechts Bäume, links ein Haus. Es ging am Zaun vorbei. Kurz vor dem Haus passierte es dann: Noch im Rausch der Bilder des Tals habe ich für einen Moment nicht aufgepasst und bin kräftig mit dem rechten Fuß umgeknickt. Ein kurzer, stechender Schmerz und ein langer Moment des Schreckens. Ist der Lauf nun etwa schon vorbei für mich? Kann ich weiter machen? So ein Mist. Ok, kurz durchatmen, beruhigen. Den Fuß in alle Richtungen bewegen. Geht? Geht! Vorsichtig aufsetzen. Geht? Geht! Das ganze Körpergewicht rauf und abwechselnd mal beide Füße belasten. Geht? Geht! Läuft also! Wunderbar! Nichts passiert. Weiter geht’s.

BildBildBild

Gepuscht durch diesen Schrecken laufe ich nun wieder an, total darauf konzentriert auf den Boden zu schauen, damit mir das nicht noch einmal passiert. Dabei denke ich noch darüber nach, dass ich aber das Aufblicken nicht vergessen darf – ich will ja schließlich kein „H“ verpassen. In dem Moment bellt aus dem Garten des Hauses, an dem ich gerade vorbeilaufe ein Hund wie wild. Den hatte ich vorher gar nicht bemerkt. Der hat mich so aus meiner Konzentration für den Boden gerissen, dass ich erschreckt hoch und zur Seite blickte und natürlich prompt mit dem linken Fuß gegen eine Baumwurzel gelaufen bin. Kurzer dumpfer Schmerz. Nichts Schlimmes. Vor allem aber fand ich meine eigene Blödheit in dem Moment zum Schreien komisch. Kurz in mich hineingelacht und einfach befreit weiter gelaufen. Hilft auch nicht, wenn ich auf den Boden starre. Also kann ich auch einfach wieder normal laufen.

Ein Stempelhäuschen am Rande eines wunderbaren Single TrailsBild

Bernd hatte ich kurz vorher schon verloren. Er war ein wenig hinter mir zurückgeblieben und nicht in Sichtweite. Es ging nun wieder eine Straße entlang und über eine Kreuzung rüber. Und irgendwie bin ich ein wenig ins Träumen geraten. Was passiert bei diesem Lauf, wenn man nicht aufmerksam ist? Richtig: Man übersieht ein „H“. Ich hätte direkt nach der Kreuzung nach links abbiegen müssen, bin aber weiter geradeaus gelaufen. Bernd berichtete später, dass er mich aus der Ferne noch gesehen hat, dass ich aber zu weit weg war um ihn zu hören. Er ist also den richtigen Weg weiter gelaufen. Ich bin an einem langen Feld vorbei bis zum nächsten Waldstück an der Straße geblieben. Dort fiel mir dann plötzlich auf, dass ich geträumt hatte. Hatte ich irgendwo ein „H“ gesehen? Keine Ahnung. Sehe ich denn nun ein „H“? Nein. Noch ein wenig weiter gelaufen. Kein „H“. Hmmm… Mal nach hinten schauen. Die Straße ist lang und gerade. So langsam müsste Bernd doch auftauchen und in Sichtweite kommen. Neee, da ist niemand. Nur ein paar Passanten. Also schon wieder mehr als einen Kilometer zu weit gelaufen. Und den musste ich nun ja auch wieder zurück. Ok, noch sind die Beine frisch. Sind ja gerade mal knapp über 30 Kilometer. Da macht einer mehr oder weniger auch nichts aus. Aber Memo an mich: Besser aufpassen und nicht mehr träumen! Weg wiedergefunden und tatsächlich: Ich hätte kurz nach der Kreuzung die Seite wechseln und in einen Waldweg laufen müssen. Nun gut, dann eben jetzt.

BildBild

Die „Aufholjagd“

Nach kurzer Zeit kam ich dann wieder in ein Heidegebiet. Weite Sicht, sogar tolle Aussichtspunkte. Auf einem Stein stand auch „Schöne Aussicht“. Also da mal kurz zum Aussichtspunkt gelaufen und den Ausblick genossen. Ja, stimmt. Das war eine schöne Aussicht, aber keinesfalls die schönste am heutigen Tag. Ok, weiter durch die Heide. Die Beschilderung zeigte, dass in einigen Hundert Metern irgendwo ein Schafstall kommen müsste. Vielleicht würde ich ja doch noch ein paar Heidschnucken sehen an diesem Tag. An dem Schafstall kam ich tatsächlich kurz darauf vorbei. Die Heidschnucken waren aber leider nicht zu Hause. Also weiter.

Der Weg knickte nun scharf nach links ab. Es ging einen Asphaltweg entlang. Die Landschaft verwandelte sich wieder einmal ein wenig. Statt Heide waren nun ausgedehnte Sandflächen neben mir. In Kombination mit der Mittagssonne kam ich mir nun ein wenig vor wie in einer Steppenlandschaft. Vor Verwunderung bin ich wieder ein wenig in Gedanken geraten. Aber hier konnte man sich nicht verlaufen und nichts übersehen. Von dem Weg ging eine ganze Weile keine Abzweigung ab. Und an den kritischen Stellen war ich nun sehr aufmerksam.

Also wenn man schon an einem Trimm Dich Pfad ist...BildBild

Mittlerweile hatte ich Musik ins Ohr gepackt und bin auch dadurch etwas schneller gelaufen. Irgendwann würde ich irgendjemanden einholen. Zunächst waren das aber immer nur Wanderer. Ist ja auch ein Wanderweg. Ich finde es schön, dass er auch reichlich genutzt wird an solch einem tollen Tag. Mir sind den ganzen Tag über immer wieder mal Menschen begegnet – jedenfalls solange es hell war. Irgendwo in der Ferne glaubte ich nun aber jemanden laufen zu sehen. Das hatte zunächst nichts zu sagen – muss ja keiner der Teilnehmer gewesen sein. Aber trotzdem. Das war ein kleiner Ansporn noch schneller zu werden. Auch wenn das kurz vor Kilometer 40 bei einem 111 Kilometer Lauf ein wenig bekloppt sein mag: Ich habe weiter beschleunigt. Und tatsächlich: Ungefähr bei Kilometer 40 oder knapp darüber konnte ich Bernd wieder einholen. Puh, hartes Stück Arbeit. Aber nun war ich nicht mehr alleine unterwegs. Zusammen macht es mehr Spaß: Man verläuft sich nicht ganz so leicht und hat jemanden zum Quatschen.

Also ging es nun wieder gemeinsam weiter. Mittlerweile liefen uns immer mehr Wanderer und Passanten über den Weg. Einige sahen unsere Startnummern und fragten, was wir denn da machen. Meistens ernteten wir ungläubiges Staunen über dieses seltsam Vorhaben. Andere Passanten wussten schon Bescheid; sie hatten vermutlich bereits Läufer gefragt, die vor uns waren.

BildBildBildBildBild

Nun wurde es auch wieder hügeliger. Einige Steigungen musste ich einfach gehen. Zu meinem Glück hatte auch Bernd nicht die Absicht diese Steigungen zu Laufen. In dieser Phase des Laufs konnte ich bis auf solche Steigungen noch fast durchgängig Laufen, so dass ich auch immer wieder mal ein Stück vor Bernd war. Irgendwann holte er mich aber immer wieder ein. Was ja auch durchaus erwünscht war. Konstant nebeneinander zu laufen ist schwierig, weil man sich bei solch langen Läufen nur schwer an den Laufstil eines Anderen anpassen kann und sein eigenes Ding machen muss. Es ist schön, wenn man dann überhaupt über eine so lange Zeit immer wieder mal längere Abschnitte gemeinsam laufen kann.

Als wir wieder mal eine kräftige Steigung erklommen hatten, war oben eine Familie mit ihren Fahrrädern, der Sohn weit vorne, Vater und Mutter deutlich langsamer hinterher. Und was ich nie geglaubt hätte: Bei Kilometer 46 in etwa bin ich tatsächlich noch an (fahrenden!) Fahrrädern vorbeigelaufen. Dabei habe ich mich gar nicht beeilt, sondern bin einfach nur langsam vor mich hin gelaufen. Ich konnte das Überholen gar nicht vermeiden. Aber ich blieb nicht lange vorne. Kurze Zeit später gaben die Drei wieder etwas mehr Gas und fuhren an mir vorbei. Bis zur nächsten Abzweigung. Dort standen sie und orientierten sich, während ich wieder vorbeilaufen konnte. Das „H“ war gut zu sehen – ich musste mich also nicht orientieren.

Schon vor Kilometer 30 war mir aufgefallen, dass mein Handy trotz des mitgeführten Akkupacks nicht lange genug in Betrieb bleiben würde um den ganzen Lauf aufzuzeichnen. Ich realisierte langsam, dass ich die ursprünglich angedachte Zielzeit nicht einmal im Ansatz erreichen würde. Ich würde also weit in die Dunkelheit hineinlaufen. Und das wollte ich nun doch nicht ganz ohne Technik machen. Zumindest für den Notfall wollte ich das Handy einsatzbereit halten. Also konnte ich nun auch einfach das Akkupack in den Rucksack stecken und das Handy erst einmal ignorieren.

BildBildBildBildBild

Kurz vor oder nach dem Erlebnis mit den Fahrrädern holten wir Gisela ein. Sie war um 05:00 Uhr gestartet bzw. kurz später wegen des Frühstücksproblems. Sie hatte ein kleines Tief und war bereits reichlich erschöpft. Dennoch lief sie nun mit uns gemeinsam weiter und kämpfte sich prima Kilometer für Kilometer voran. Dafür, dass sie gerade noch von Problemen gesprochen hatte, sah das ziemlich locker aus. Sie lachte auch und hatte augenscheinlich gute Laune.

Auch den Wilseder Berg mit seinem ziemlich steilen und langen Anstieg konnten wir gut erklimmen und uns oben am wunderbaren Ausblick erfreuen, auch wenn wir zueinander wieder kleine Abstände hatten. Das war trotz all der schönen Ausblicke an diesem Tag noch einmal ein echtes Highlight.

Nach einigen weiteren gemeinsamen Kilometern kamen wir an dem Stempelhäuschen am Pastor Bode Weg vorbei. Hier sollten wir uns unbedingt einen Stempelabdruck abholen als Nachweis, dass wir auch wirklich dort waren. Das war für Bernd und mich nun bereits der dritte Stempel (wir haben einfach an allen Stempelhäuschen, die wir unterwegs gesehen haben, kurz angehalten).

BildBildBildBildBildBildBildBildBildBildBildBildBildBildBild

Und bereits ein kleines Stückchen weiter standen wir plötzlich vor einer Herde Heidschnucken samt Schäferhund. Ha! Haben wir sie also doch gesehen! Wunderbar.

Irgendwo dort ging mir das Wasser im Trinkrucksack aus. Aber die nächste Wasserstelle sollte nicht mehr weit sein. Es waren auch nur noch ein paar Kilometer. Ich hatte keinerlei Flüssigkeitsprobleme, war aber doch sehr froh als ich die Trinkblase wieder auffüllen und auch noch etwas trinken konnte. Und wieder weiter.

Nach einiger Zeit kamen wieder einige gemeine Anstiege. Irgendwo dort muss Gisela wieder langsamer geworden sein. Aber sie blieb dran. An einer Stelle machte ich gerade Fotos von Zetteln, die für uns Läufer aufgehängt worden waren und auf denen auf den bevorstehenden Hauptverpflegungspunkt bei Kilometer 61 hingewiesen wurde („Die Nudeln sind nicht mehr weit“ oder so). Bei einem Blick zurück konnte ich Gisela noch ein kurzes Stückchen hinter uns sehen.

Nun ging es wieder leicht bergab. Da hat das Laufen noch einmal richtig Spaß gemacht, auch wenn ich nun langsam die Kräfte schwinden fühlte. Die Pause war ja nicht mehr weit. Wir beeilten uns ein wenig und kamen dann auch bald bei dem Gasthof Heidelust an. Dort war nicht etwa, wie ich es erwartet hatte, ein provisorischer Verpflegungspunkt mit völlig verkochten Nudeln oder so eingerichtet. Nein, wir setzten uns in den Gastraum und bekamen herrlich schmeckende Spaghetti mit einer wunderbaren Tomatensoße. Dazu ein alkoholfreies Weizen und Chips. Wunderbar.

Gisela müssen die Kräfte dann doch ziemlich heftig verlassen haben. Sie kam an als wir gerade mit dem Essen fertig waren und nur noch etwas getrunken haben. Sie hat sich nicht in der Lage gefühlt die restlichen 50 Kilometer an diesem Tag zu bewältigen und stieg an dieser Stelle aus dem Lauf aus. Eine traurige und harte, aber sehr vernünftige Entscheidung. Wir verabschiedeten uns und liefen weiter.

Eigentlich hatten Bernd und ich beschlossen nach dem üppigen Mahl eine Weile zu gehen und dann erst langsam wieder anzulaufen. Immerhin waren die Bäuche voll und wir hatten ja nun auch bereits 61 Kilometer plus Verläufer in den Beinen. Aber die Wege waren so einladend. Da mussten wir einfach mal schauen, ob das Laufen auch mit vollen Bäuchen funktioniert. Ja, ging. Also sind wir doch wieder gelaufen.

BildBildBildBildBild

Nun haben wir zwar durchaus häufiger mal Gehpausen eingelegt, aber überwiegend waren wir immer noch laufend unterwegs. Und das blieb auch noch eine ganze Weile so.

Es war nun bereits fast 16:00 Uhr. Die 50 km Läufer waren bereits um 14:00 Uhr an der Heidelust gestartet, also weit, weit vor uns. Für mich eine ganz angenehme Vorstellung. Ich mag es nicht, wenn ich schon lange auf der Strecke bin und dann von frischen Läufern überholt und einfach stehengelassen werde. Wir waren zwar schon viel später dran als ich ursprünglich gehofft hatte, aber der ursprüngliche Plan war eh Mumpitz und wurde durch die Wirklichkeit gehörig korrigiert.

Gedanklich waren wir nun in einer ganz angenehmen Situation: Wir hatten bereits mehr als 60 Kilometer hinter uns und mussten „nur“ noch 50 Kilometer laufen. Während ich auf dem ersten Teil der Strecke immer ein wenig der Antreiber war übernahm nun immer mehr Bernd diesen Part. Hier merkte man einfach, dass er eine unglaubliche Erfahrung mit solchen langen Strecken hatte und seine Kräfte perfekt einteilen konnte. Dank des tollen Essens war ich nun aber auch wieder bei Kräften und ließ mich auch allzu gerne zum Laufen verführen, besonders, wenn die Wege gerade mal sehr einladend waren.

Irgendwann zeigte meine Garmin FR305 an, dass der Akku langsam zur Neige ging. Danach hält sie zwar noch eine ganze Weile, aber nie und nimmer bis zum Ziel. Bernd hatte dann die Idee, dass ich die Uhr dann ja nun auch erst einmal ausschalten könnte (so wie das Handy schon vor einer ganzen Weile). Dann hätte ich noch genügend Strom um die letzten 11,9 Kilometer, die wir ja nach Roadbook zu laufen hatten, mit den Entfernungsangaben der Garmin zu erleichtern. Klasse Idee! Also habe ich die Uhr auch ausgeschaltet.

BildBildBildBildBildBildBildBildBild

Der Weg blieb noch eine Weile sehr schön. Irgendwann kamen wir dann in Buchholz an. Von hier aus sind es noch ca. 30 Kilometer bis zum Ziel. Wir fingen irgendwann an die Kilometer rückwärts zu zählen. Und was ich nie erwartet hätte: Auch dort ist es immer noch hügelig. So langsam wurde es für mich sehr schwierig. Ich musste immer mehr gehen und konnte immer weniger laufen. Ich spürte einen brennenden Schmerz an den Füßen. Das waren Blasen. Die Vermutung hatte ich zwar, aber bisher habe ich mit Blasen eigentlich noch gar nicht viel Erfahrung. Das Laufen fiel mir schwerer. Bernd versuchte immer wieder mich anzutreiben, was nun aber nicht mehr ganz so gut klappte. Irgendwann wollte ich das Tempo nicht mehr mitlaufen. Bernd hatte noch den Ehrgeiz vor Mitternacht anzukommen und auf jeden Fall noch ein paar Läufer einzusammeln. Ich hatte alle Pläne aufgegeben und wollte nur noch vor der Cut Off Zeit 02:00 Uhr ins Ziel kommen. Das wollte ich dann lieber in meinem Tempo machen als mich abzuhetzen und dann vielleicht total kraftlos doch irgendwann aufgeben zu müssen. Also zog er, wenn auch sichtlich ungern, alleine davon.

Ich stopfte wieder Kopfhörer ins Ohr und schaltete Musik ein. So langsam war der Weg einfach nicht mehr schön. Nun war immer mehr städtischer Anteil und immer weniger Natur zu sehen. Tatsächlich schaffte ich es nun doch wieder ein wenig zu laufen. Allerdings mit langsamen Tippelschritten und einer sehr niedrigen Pace. Aber immerhin. Doch plötzlich wieder ein Hügel. Keine zehn Meter hoch, aber recht steil und bei ca. Kilometer 80 doch unangenehm. Hilft nichts. Da musste ich hoch. Also Kraft gesammelt und langsam hochgeklettert. Und als ich oben war, fiel ich vor Erstaunen fast wieder rückwärts herunter.

Im nächsten Garten, der an den Weg grenzte, war eine Horde Läufer zu sehen. Das war eine Wasserstelle. Elke und Monika hatten sich gemütlich hingesetzt und quatschten angeregt. Ihre Lotsenläufer, die sie auf den letzten Kilometern begleiten würden, um ein Verlaufen auf den letzten Kilometern zu verhindern, waren ebenfalls dort. Und, ja, tatsächlich: Bernd hatte ich nun auch wieder eingeholt. Er verabschiedete sich aber gleich wieder und lief weiter. Elke und Monika waren etwas empört, dass sie einfach so an einer Wasserstelle überholt wurden. Schändlich ist das. Also wirklich. Ich trank also noch einen Tee und machte mich sogleich auf um Bernd ob seines unerhörten Verhaltens zur Rede zu stellen. Aber irgendwie kam ich nicht weit, bis mir ebenfalls empörte Rufe in den Ohren lagen.

Es waren noch 29 Kilometer zu laufen. Und dafür hatten wir noch fünf Stunden Zeit. Eigentlich kein Problem, zumal ich nun ein etwas flacheres Höhenprofil erwartete. Aber nach 80 Kilometern war das nun bereits mein weitester Lauf überhaupt bisher. Da fällt gar nichts leicht. Dennoch konnte ich tatsächlich immer noch laufen. Und noch nicht einmal besonders langsam. Nur wenige Straßen später hatte ich Bernd wieder eingeholt, der gerade am Rand stand und in seiner Ausrüstung herumkramte. Da er mich sowieso bald wieder einholen würde, lief ich nach einem kurzen Gruß einfach weiter.

Ein Verläufer nach über 80 Kilometern

Und zwar bis zum Bahnhof Buchholz (Nordheide). Dort gibt es eine Überführung über die Eisenbahnschienen. Dort hinauf schickte uns der Weg. Und dann ist es wieder passiert. Man konnte komplett über die Überführung laufen und über alle Gleise hinweglaufen oder zwischen den Gleisen wieder hinunterlaufen. Ich suchte nach „H“s und fand welche an den mittleren Treppen. An beiden Seiten davon. Es sah wieder aus wie ein Tor. Halt! Das hatten wir zu Beginn des Laufs schon einmal. Auf Pfeile achten! Ja, da waren Pfeile, die hinunter zeigten. Hmmm… Aber irgendwie seltsam. Gehören die Pfeile wirklich zum „H“ oder zu der weißen „3“ auf grünem Untergrund (offenbar ein anderer Wanderweg)? Das war schlecht zu erkennen. Ich zögerte und schaute weiter, ob ich vielleicht noch irgendwelche „H“s erspähen konnte. Ich wollte ungern eine Treppe hinunterlaufen, die ich dann vielleicht noch einmal hochlaufen müsste. Bernd kam nun wieder dazu. Er schaute sich die Sache kurz an und entschied selbstsicher „Runter! Natürlich!“. Also gut, runter. Und dort war tatsächlich ein „H“ zu finden. Der Pfeil daran war seltsam. Er konnte bedeuten „Laufe die Treppe sofort wieder hoch!“ oder auch „Laufe neben der Treppe zurück“. Also haben wir Letztes probiert. Und nach „H“s gesucht. Wir haben diverse Wanderwegmarkierungen gefunden, aber kein „H“. Wo zum Henker steckt das „H“? Wir sind ein Stückchen gelaufen und konnten einfach keine „H“s finden. Also wieder zurück und weiterhin gründlich die Augen offenhalten.

Und plötzlich sehe ich Elke, Monika und die Lotsenläufer über die Fußgängerüberführung laufen. Als sie uns bemerkten, schauten sie irritiert, winkten kurz und gaben uns Zeichen, dass wir falsch waren und doch komplett über die Überführung hätten laufen müssen. Mist. Also zurück zur Treppe und wieder hoch. Dann zum Ende der Überführung. Die Anderen waren schon nicht mehr zu sehen. Da wir uns nicht noch einmal verlaufen wollten, verzichteten wir nun mit voller Absicht aufs Laufen und suchten behutsam die „H“s, die wir nun auch wieder leicht fanden. Schließlich ging es wieder in einen Park und von dort aus weiter.

Irgendwann verließen wir den städtischen Bereich auch wieder und kamen wieder in waldige Gebiete. Nun wurde es auch langsam dunkel. Wir holten also unsere Stirnlampen raus und ich zog auch meine Warnweste an. Ich hoffte, dass sie mich auch ein wenig vor der erwarteten Kälte schützen würde.

Irgendwann hatte ich wieder einen Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr so recht laufen konnte und gehen wollte. Deshalb schickte ich Bernd nun wieder vor. Nun war es mir auch trotz Musik in den Ohren nur noch ganz selten möglich in den Laufschritt zu kommen. Die letzten rund zwanzig Kilometer würden eher eine Wanderung werden. Allerdings keine einfache.

Alleine im Wald, nur mit einer Stirnlampe „H“s zu suchen in dem Wissen, dass ein weiterer Verläufer mich aus dem Cut Off Zeitfenster werfen könnte, war schon sehr spannend. Immer abwechselnd auf den Boden schauen und leuchten, damit ich nicht stolpere und dann wieder nach oben, um ja kein „H“ und keine Abzweigung zu übersehen. Bei jeder Abzweigung sorgfältig schauen, ob irgendwo ein „H“ steckt. Und bei „H“s besonders gründlich schauen, ob da ein Pfeil drunter war. Die waren beim Licht meiner Lampe nur mäßig zu erkennen. Ich brauche für solche Läufe eine bessere Lampe!

Aber ich kam voran. Schritt für Schritt. Kilometer für Kilometer. Ohne mich zu verlaufen oder irgendeinen Fehler zu begehen. Etwas überrascht war ich als ich gerade nah an einem Osterfeuer vorbeikam und in der Ferne eine Stirnlampe sah. Konnte das wieder Bernd sein? Eigentlich nicht. Der Läufer dort vorne war doch nicht weit weg. Hmmm… Egal. Ich musste mich auf meinen Weg konzentrieren. Zum Rufen war es zu weit. Also weiter „H“s gesucht. Kurz über den Parkplatz beim Lagerfeuer, dann scharf links an einer Straße entlang. Ungefähr dort muss der andere Läufer vor einigen Minuten gewesen sein, als ich ihn gesehen hatte. Ein Stückchen geradeaus und dann war da ein „H“ mit einem Pfeil nach rechts. Also über die Straße rüber. Und damit man das ja nicht übersieht war da auch noch ein großes per Hand gemaltes „H“ auf rosa Papier. Das Papier hatte ich ja schon ein paarmal an diesem Tag gesehen. Das waren eindeutig Hinweise für uns. Also wirklich hier rüber. Gut. Da war ein Einfahrt verboten Schild, aber das heißt ja nicht, dass ich da nicht entlang darf. Oh ja, ein „H“ am Schild. Prima. Der Weg war aber seltsam und unangenehm. Schotterweg. Links sah das irgendwie aus wie eine Mülldeponie. Aber alles schwer zu erkennen. Es war stockfinster. „H“s konnte ich nun eine Weile nicht mehr sehen. Aber Abzweigungen gab es auch nicht. Also weiter. Und tatsächlich: Am Ende des Weges hatte ich meine „H“s wiedergefunden. Puh. Immer noch richtig. Gut. Also weiter.

Irgendwann kam ich dann am letzten Verpflegungspunkt an. Das war wohl der Parkplatz einer Schule oder eines anderen öffentlichen Gebäudes in dem anlässlich der Osterfeiertage richtig etwas los war. Irgendwie komisch mehrfach am Rande großer Feiern vorbeizulaufen und sich nur für „H“s und Verpflegungspunkte zu interessieren. Und dann noch mit Stirnlampe und Warnweste. Das muss für die Feiernden ein lustiges und etwas verrücktes Bild abgegeben haben. Zu meiner Überraschung holte ich am VP tatsächlich erneut Bernd ein. Damit hatte ich nun überhaupt nicht mehr gerechnet. Er hatte anscheinend einige Umwege gemacht. Gleichzeitig erfuhren wir, dass Elke und Monika auch gerade erst am VP vorbeigekommen waren. Die beiden waren also gar nicht mal weit vor uns.

Wir waren in Nenndorf. Noch drei Kilometer auf dem Heidschnucken Weg bleiben und dann dem Roadbook folgen. Insgesamt noch 15 Kilometer. Überhaupt nicht viel. Aber mir war klar, dass das bei der Dunkelheit und meinem Kräftemangel durchaus zweieinhalb bis drei Stunden dauern könnte. An Laufen war bei mir nun überhaupt gar nicht mehr zu denken. Ich konnte nur noch gehen. Das aber noch recht zügig. Also haben wir uns nicht lange am VP aufgehalten und sind zügig weiter. Wieder in etwas waldige Stücke hinein. Und diesmal dank gemeinsamer Aufmerksamkeit recht zügig und problemlos hindurch. Nur an einer Stelle mussten wir uns kurz orientieren. Da war ein „H“ mit einem Pfeil nach links. Und links war auch etwas, das einmal ein Weg gewesen sein könnte. Aber im Licht unserer Stirnlampen sah das nicht so aus als könne man dort aktuell noch hindurchgehen. Da lagen viele Äste im Weg. Hmmm… Gut, aufteilen. Bernd suchte links das „H“, ich geradeaus. Nach wenigen Sekunden rief er mich; er hatte das „H“ gefunden. Also hatten wir auch diese kritische Stelle geschafft.

Schlussspurt mit Roadbook

Kurz bevor wir in Langenrehm den Wald verließen stießen wir auf ein Schild, dass uns darauf hinwies, dass sich hier die Strecken der 50 km Läufer und der 111 km Läufer trennten. Wir mussten hier raus aus dem Wald und nach rechts laufen und dabei ab sofort dem Roadbook folgen.

Das Roadbook hatte Frank vorher erstellt und per E-Mail herumgeschickt. Es gehörte natürlich auch zur Pflichtausrüstung. Darin beschrieben waren die Laufanweisungen für die letzten 11,9 Kilometer bis zum Ziel. Nun stellte ich also wieder meine Garmin an, damit ich präzise Entfernungsangaben hatte. Dann folgten wir dem Roadbook. Bernd war etwas schneller als ich, aber das war mir egal. Ich musste nun nur noch durchhalten. Und dank des sehr präzisen Roadbooks war ich guter Dinge mich nun nicht mehr verlaufen zu können.

Nach kurzer Zeit sahen wir wieder Elke, Monika und die Lotsenläufer vor uns. Gar nicht weit weg. Aber aus irgendeinem Grund haben sie dann noch einmal ein wenig beschleunigt. Vielleicht wollten sie einfach nur nicht von uns überholt werden. Vielleicht nahmen sie uns auch tatsächlich übel, dass wir sie an der Wasserstelle 29 km vor dem Ziel überholt hatten. Ich hoffe nicht. Aber jedenfalls wurden sie etwas schneller. Nicht lange, aber ganz kurz. Bernd hatte den Ehrgeiz aufzuschließen. Ich hätte mich auch gerne gemeinsam mit den anderen über die letzten Kilometer gekämpft, aber mir fehlte einfach die Kraft die 200 Meter aufzuholen. Und nach einer kurzen Pinkelpause waren alle außer Sichtweite.

Egal, ich folgte dem Roadbook weiter. An einer Stelle hätte ich fast einen Fehler gemacht. Wir sollten einem Weg folgen und danach links auf den Fußweg wechseln. Ich wäre fast schon dort links auf dem Fußweg an der Straße vorbeigegangen.

Aber ich schaffte es. Nach 19:13:44 Stunden kam ich erschöpft, aber glücklich, im Ziel an und durfte mich noch kurz feiern lassen. Elke, Monika und Bernd waren ziemlich genau fünf Minuten vorher angekommen. Der Abstand war also wirklich nicht groß.

Fazit

Der Lauf war wahnsinnig anstrengend und schwierig. Dass ich in der Vorwoche einen Doppeldecker gelaufen war, war sicherlich nicht hilfreich. Aber auch ohne wäre dieser Lauf nicht wirklich einfach gewesen. Der Weg führt teilweise durch wunderschöne Landschaften und Gegenden. Ich glaube, dass die 111 km Läufer hier nicht nur wegen der längeren Strecke mehr genießen durften, sondern auch, weil der letzte Teil der Strecke doch recht viel Stadt beinhaltet und nicht ganz so viel Landschaft wie der Anfang.

Der Lauf war einfach perfekt organisiert. Ob Wasserstellen oder Verpflegungsstellen. Überall war auch noch für die, die ganz am Ende des Felds unterwegs waren, genügend da. Es wurde immer auch auf den letzten Läufer gewartet. Man hat wirklich gemerkt, dass hier Läufer mit viel Liebe bis ins Detail perfekt einen Lauf ausgerichtet haben.

Ganz herzlichen Dank für dieses tolle Erlebnis an die Organisatoren Frank und Elke, an alle Helfer an den Verpflegungsständen, an alle, die für Wasserstellen gesorgt oder sonstwie am organisatorischen Teil des Laufs mitgewirkt haben und natürlich an die anderen Teilnehmer, ganz besonders an Bernd für viele Stunden gemeinsames Laufen und Kämpfen.

Ich habe bestimmt wieder viele, viele Details vergessen, aber man kann nicht immer alles aufschreiben. Wer das mal selbst erleben möchte, sollte sich den 02.05.2015 vormerken. Dann findet der 3. Heidschnucken Ultra statt.

Was danach geschah

Nach dem Zieleinlauf, es war immerhin bereits ca. 01:15 Uhr, bekamen wir tatsächlich noch etwas warmes zu essen und wurden noch einmal bestens versorgt. Der Einsatz der Helfer und Organisatoren kannte keine Grenzen. Frank hat zwar ein wenig gemeckert, weil ich mich als Bremer getraut habe, ein Werder Bremen T-Shirt nach dem Duschen anzuziehen – und das in seinem Hamburg. Aber ich glaube, ich darf am Elbe Lübeck Kanal Lauf, den ebenfalls Elke und Frank veranstalten, trotzdem noch teilnehmen.

Um kurz nach 02:00 Uhr habe ich mich aufgekratzt und euphorisiert vom Finish, verabschiedet und bin losgefahren. Das Auto hatte ich ja am Vortag in der Nähe abgestellt. Während der Fahrt spürte ich dann schlagartig die hereinbrechende Müdigkeit. Und zwar so stark, dass ich einen Parkplatz angesteuert und ein Nickerchen gemacht habe. Da war ich zwar nur noch ca. 20 Minuten von meinem eigenen Bettchen entfernt. Aber man muss nicht alles finishen. Als ich wieder fahrtüchtig und nicht mehr vom Sekundenschlaf bedroht war, habe ich die Fahrt fortgesetzt und bin gegen 04:00 Uhr zu Hause angekommen.

Ca. 35 Stunden nach meinem Zieleinlauf war ich wieder im Sportstudio und habe an einem Osterspecial Body Attack teilgenommen. Erstaunlicherweise haben mich die Blasen und die etwas schweren Beine dabei kaum behindert. Erstaunlich, was alles geht, wenn der Kopf das möchte.

Nun stehen aber erst einmal einige ruhigere Regenerationstage an. Ganz Sport frei wird das bei mir vermutlich nicht verlaufen, aber sehr, sehr ruhig und entspannt…

Werbeanzeigen
Kategorien: Veranstaltungen | 5 Kommentare

Beitragsnavigation

5 Gedanken zu „2. Heidschnucken Ultra (111 km + „Strafkilometer“)

  1. Christian

    Faszinierend an wie viele Details du dich erinnerst. Toller Bericht, macht Lust auf ähnlich Verrücktes !

  2. Frank Lomott

    Hallo Danny,
    ganz toller Bericht. Schön, dass Du dabei gewesen bist. Mit dem Elbe-Lübeck-Kanal-Ultra muss ich dann allerdings noch überlegen. 🙂
    Ich denke, wenn Ihr zwischendurch mal die Pflichtausrüstung Karte
    konsultiert hättet, dann hättet Ihr Euch den einen oder anderen „Strafkilometer“ ersparen können. Aber so…….., Strafe muss sein.
    Bis demnächst
    Frank

  3. Schöner Bericht! Herzlichen Glückwunsch, Danny!
    LG, Ramona

  4. Gisela

    Sehr schöner Bericht, Danny! Danke für’s Retten und Mitziehen. Ohne Bernd und Dich wäre ich niemals in Wesel angekommen 😉

  5. Dennis

    Hey Danny,
    Dein Bericht ist ja wirklich ausführlich. Ich kann mich an weniger Abzweigungen erinnern. Du scheinst Dir auch gerne etwas zuviel zuzumuten. Ich bin zur Vorbereitung auf den Rennsteig 2 Wochen nach dem Heidschnucken Ultra die Elbe Lübeck Kanal Strecke gelaufen. Ich dachte auch das sollte kein allzu großes Problem werden. Sind ja „nur“ 67,5 KM am flachen Kanal. Aber der Wind hat es auf freieren Strecken wirklich in sich. Frank hat mich noch nachmelden lassen, obwohl das Limit eigentlich schon erreicht war. Freue mich also Dich wieder zu sehen!
    Nordische Grüße
    Dennis

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: