Rennsteig Supermarathon 72,7 km

Wer hat noch nicht vom Rennsteig Supermarathon gehört? Einer der legendärsten Ultra Läufe Europas. Grund genug, da mal mitzulaufen…

Ich muss zugeben, dass ich sehr, sehr skeptisch war, was den Rennsteig Supermarathon angeht. Der Lauf fand nunmehr bereits zum 42. Mal statt und ist meines Wissens der älteste und traditionsreichste Traillauf weit und breit. Entsprechend viele Läufer zieht er an. Alleine an der Langstrecke „Supermarathon“ über ca. 72,7 km nahmen rund 2500 Läufer teil. Dazu gibt es noch diverse weitere Disziplinen, z.B. einen Marathon (hier allerdings mit ca. 45 Kilometern oder so), einen Halbmarathon und eine Reihe von Walking Strecken. Insgesamt sind da wohl immer rund 15.000 Leute am Start. Die gesamte Region ist am Rennsteigwochenende aus dem Häuschen, der Verkehr eingeschränkt, alle Hotels ausgebucht etc.

Nach meiner Erfahrung sind solche Veranstaltungen in der Regel nicht halb so gut wie ihr Ruf. Eigentlich machen sowas alle doch nur, weil man’s ja mal gemacht haben muss. Deshalb war ich ja auch da. Unheimlich viele Lauffreunde meinten: „Da musste mal hin!“. Eigentlich mag ich aber Läufe mit vielen Teilnehmern nicht so gern wie kleinere familiärere Veranstaltungen. Naja, ich hatte mich entschlossen, das Ding mal auszuprobieren. Also Geist öffnen, die Rennsteigluft atmen und mal schauen wie es wird…

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Am Freitag bin ich angereist. Zunächst zum Startort Eisenach. Dort war die Startnummernausgabe. Man bekam einen riesigen Kleiderbeutel. Der ist toll. Den kann man auch prima wiederverwenden. Insgesamt war der Beutel aber fast schon enttäuschend leer. Eigentlich waren nur ein paar Prospekte drin. Eine Probepackung Waschmittel für Funktionswäsche und ein Powerdrink für Läufer waren noch drin. Völlig ok – ich fahre ja nicht hin um mir Souvenirs abzugreifen. Aber bei anderen Läufen steckt da manchmal doch erheblich mehr Krimskrams drin.

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Es war auch ein großes Festzelt auf dem Marktplatz aufgebaut. Hier sollte die berühmte „Kloßparty“ stattfinden. Das ist eine dieser Traditionsmacken des Rennsteiglaufs. Hier gibt es keine Pastaparty, sondern eine Kloßparty. Man bekommt einen Kloß nach regionaler machart mit Rotkohl (hier heißt es wohl Blaukraut) und ein wenig Gulasch. Eine richtig deftige Mahlzeit also. Das ist wirklich mal etwas Anderes. Und mir hat’s allemal besser gefallen als die ewig gleichen völlig verkochten und überschätzten Nudeln, die man bei anderen Läufen bekommt.

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In der Region ist die Biermarke „Köstrizer“ sehr stark vertreten. Entsprechend gab es beim Festzelt auch einen Stand von denen. Köstrizer auf einer Läuferparty? Hmmm… Ich habe noch nie etwas von einem alkoholfreien Bier von denen gehört. Das gehört bei einer Läuferparty aber doch einfach dazu. Also habe ich da mal gefragt, ob ich ein alkoholfreies Bier bekommen könnte. Der gute Mann sah mich abschätzend an, rollte die Augen und murmelte nur „Touristen!“. Damit war das Thema erledigt. Da ich noch fahren musste und weil ich am nächsten Tag ja schließlich laufen wollte, kam Alkohol aber so gar nicht in Frage. In der Fußgängerzone gab es dann aber noch ein leckeres alkoholfreies Weizen.

So, die Sachen hatte ich komplett. Also ab zu meinem Hotel. Das war in „Neustadt am Rennsteig“, einige Kilometer von Schmiedefeld, dem Zielort des Supermarathons, entfernt. Von Eisenach aus etwas mehr als eine Stunde Fahrzeit. Rund um Eisenach wurden in den letzten Jahren die Autobahnen neu gebaut. Mein Navi wähnte mich ständig auf freiem Feld. Mitten auf der Autobahn kam schon mal die Anweiseung: „Jetzt im Kreisverkehr die dritte Ausfahrt nehmen!“.

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Simone wollte eigentlich ebenfalls an dem Lauf teilnehmen. Nicht am Supermarathon, aber am 35 km Walking. Leider hat ihre Freundin, mit der sie den Lauf zusammen in Angriff nehmen wollte, sich kurzfristig eine Mandelentzündung eingefangen. Die beiden entschlossen sich dann zu einem entspannten Wellnesswochenende. Sie waren ebenfalls in der Gegend, aber in einem anderen Hotel. Das war in der Nähe von Schnepfental, dem Startort der 35 km Walker. Wir wollten uns am Abend nach dem Lauf in Schmiedefeld bei der berühmten Rennsteig Party treffen.

Wenn man keinen Rundkurs läuft, sondern eine Punkt-zu-Punkt Strecke hat man meistens mit logistischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Ich hatte die Wahl: Entweder ich stehe sehr früh morgens auf, fahre mit dem Auto zum Zielort (Schmiedefeld) und lasse mich mit einem Shuttlebus zum Startort (Eisenach) transportieren oder ich schlafe etwas länger, fahre direkt zum Startort und muss dann nach dem Lauf das Auto, ebenfalls nach einem Transport mit einem Shuttlebus, wieder vom Startort abholen.

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Ich habe mir von erfahrenen Rennsteigläufern Ratschläge eingeholt. Insbesondere Elke riet mir massiv dazu lieber morgens etwas Stress zu haben und dafür nach dem Lauf in Ruhe die Party zu genießen ohne mich dann noch mit Transportsorgen herumzuschlagen.

So habe ich es dann auch gemacht: Um ca. 21:00 Uhr lag ich im Bett. Und um 01:45 Uhr klingelte auch schon der Wecker. Das war mal eine kurze Nacht. Morgenrituale durchgezogen, Laufsachen angezogen und los. Den Kleiderbeutel hatte ich am Abend bereits vorbereitet. Vom Hotel habe ich ein Lunchpaket bekommen – ein bissel Frühstücken wollte ich vor solch einem langen Lauf schon noch.

Etwas unangenehm: Ich spürte Verdauungsbeschwerden. Sehr ungünstig vor einem langen Lauf. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich damit noch Probleme bekommen könnte. Außerdem war ich saumüde. Ich bin ein mieserabler Frühaufsteher.

Das Verlassen des Hotels war gar nicht so einfach. Um die Uhrzeit war die Rezeption längst nicht mehr besetzt. Ich spazierte Richtung Hauptein-/ausgang auf die automatische Drehtür zu. Diese setzte sich auch gleich brav in Bewegung. Also bin ich durchgegangen. Jedenfalls versuchte ich das. Eine halbe Umdrehung machte sie, dann hielt sie an. Ich stand vor dem Ausgang. Dummerweise war der aber abgeschlossen, so dass ich die Drehtür dort entlang nicht verlassen konnte. Sie drehte sich nun aber auch nicht mehr. Na toll, stecke ich hier jetzt fest? Mal leicht die Tür angeschoben. Gut, sie drehte sich. Zumindest konnte ich wieder ins Hotel hinein. Ah, da war ein Seitenausgang. Kurz getestet – und siehe da: Dort konnte ich raus. Die erste Herausforderung des viel zu früh begonnenen Tages war erfolgreich erledigt.

Nun aber ab Richtung Schmiedefeld. Nach ca. 20 Minuten war ich bereits dort. Schilder führten mich direkt zum Zielbereich. Dort befanden sich die Campingwiese, das Duschzelt, der Zieleinlaufbereich, das Partyzelt etc. Und obwohl es erst ca. 02:45 uhr war, waren da auch bereits ein Parkplatzwächter und jemand, der mir einen Stellplatz zuwies. Nach dem Aussteigen merkte ich erst wie bitter kalt es noch war, ca. 5 Grad Celsius. Und hier schliefen etliche Leute in Zelten. Brrr… Ich zog mir meinen Pulli aus dem Kleiderbeutel über. Den musste ich ja erst kurz vor dem Start abgeben.

Der Parkplatzwächter konnte mir auch den Weg zu den Shuttlebussen beschreiben, die ich problemlos fand. Gegen 03:00 Uhr saß ich im Bus und versuchte noch ein wenig die Augen zu schließen. Der Parkplatz kostete 2,- Euro, der Bus noch einmal 10,- Euro. Gut, dass ich Geld dabei hatte. Um ca. 03:15 Uhr war mein Bus voll und fuhr los. Das hat der Veranstalter wirklich gut organisiert: Da fuhren Unmengen an Bussen, so dass auch wirklich jeder Läufer problemlos zum Start transportiert werden konnte. Obwohl es recht ruhig im Bus war konnte ich nicht so recht einschlafen. Irgendwann bin ich dann zwar doch kurz eingenickt, aber kurz vor 05:00 Uhr waren wir dann in Eisenach und mussten wieder in die kalte Nacht aussteigen. Brrr…

Dort musste ich nun bis zum Start um 06:00 Uhr ausharren. Vielleicht hätte ich ein paar Minuten später aufstehen sollen. Aber ich plane eigentlich immer einen Puffer ein, manchmal geht ja auch etwas schief. War also eigentlich schon richtig so. Ich habe kurz gefrühstückt. Das Festzelt vom Vortag konnte betreten werden, roch allerdings noch stark nach Party und war auch nicht wärmer als der freie Platz draußen. Ich habe es vorgezogen draußen zu bleiben.

Ich war müde, es war kalt und eigentlich erwartete ich ja nicht viel von dem Lauf. Meine Laune war richtig mies. Dann liefen mir einige der Streakrunner über den Weg, unter anderem Lutz, Christel, Petra, Elmar, Dennis, Silke und co. und auch einige andere Bekannte. Meine Laune besserte sich aber nicht wirklich, obwohl ich versuchte zu lächeln und zu quatschen. Irgendwie wollte mein Kopf wohl noch nicht so recht akzeptieren, dass die Nacht vorbei war. Der Platz füllte sich zügig. Ich musste irgendwann meinen Kleiderbeutel abgeben. Also hieß es: Pulli ausziehen. Brrr…..

Ich hatte meine Garmin um und eine Racebooker Handgelenktasche, in der ich mein Bargeld untergebracht hatte. Meinen Fotoapparat hatte ich auch dabei. Den würde ich den ganzen Lauf über in der Hand halten. Das mache ich meistens bei solchen Läufen. Zusätzlich hatte ich eigentlich geplant mein Handy samt Akkupack mitzunehmen. Da das so nicht in die Armtasche passt, wollte ich das ebenfalls in der Hand halten. Hmmm… Ach, das nervt doch nur. Einen Rucksack würde ich nicht mitnehmen. In der Hand halten wollte ich es nun doch nicht mehr. Was soll’s? Ab in den Kleiderbeutel damit. Auch, wenn ich da sonst eigentlich nie Wertgegenstände reinpacke. Der Autoschlüssel war auch im Kleiderbeutel. Den gab ich nun also ab.

Kurze Zeit später erfuhr ich was beim Rennsteiglauf mit Kleiderbeuteln passiert: Die werden einfach auf einer Gepäckwiese abgelegt, die jeder betreten und bei der sich jeder bedienen kann. Außerdem kam es in den letzten Jahren wohl vor, dass es stark geregnet hatte. Dann regnet es auch in die Beutel hinein – und Alles wird richtig schön nass. Na toll. Da packt man einmal Wertgegenstände in den Kleiderbeutel und muss sich nun den ganzen Tag über Sorgen machen, dass die Sachen geklaut oder von starkem Regen zerstört werden könnten – abgesehen davon, dass ich nach solch einem Lauf nach dem Duschen gerne in trockene Sachen steigen wollte. Das war Futter für meine miese Laune.

Pünktlich um 06:00 Uhr ging es nun endlich los. Ca. 2500 Läufer starteten auf die 72,7 km des Rennsteig Supermarathons. Ich glaube, ich bin noch nie mit solch einer miesen Laune gestartet. Es war ein ziemliches Gedrängel. So früh zu überholen fand ich sinnlos. Die Strecke war noch lang genug. Andere dachte da anders und sprinteten im Slalom durch die Menge. Bereits nach ca. 500 m kam die erste Steigung. Dort stand ein Schild: „Nur noch 72 Kilometer!“ So wie es mir empfohlen wurde, lief ich nur die ersten paar Meter und wechselte dann bereits in schnelles Gehen. Die ersten ca. 23 km ging es fast ausschließlich bergauf. Immer wieder mal von flachen Stückchen unterbrochen, aber fast überhaupt nicht bergab. Dennoch war ich gar nicht mal so furchtbar langsam unterwegs, auch wenn hier bereits viel Gehen angesagt war. Mein Magen grummelte. Es war sehr kalt und wurde immer nebliger. Meine Laune sank immer weiter in den Keller. Ich stapfte ziemlich trotzig den Berg hoch. Und irgendwie bemerkte ich dabei gar keine Anstrengung. Als wir ganz oben an diesem ersten Abschnitt des Laufs ankamen sagten einige Leute: „Hier ist normalerweise ein wundervoller Ausblickspunkt! Aber heute kann man hier leider nichts sehen…“. Na toll.

Nun ging es bergab. Ein sehr, sehr langer Downhill. Lang und steil. Die Art von Bergablauf, bei denen die meisten Läufer sehr vorsichtig sind und starkt abbremsen. Ich nicht. Da bin ich einfach heruntergerannt und habe Dutzende, wenn nicht sogar mehr als hundert Läufer eingesammelt. Und je tiefer ich kam, desto wärmer wurde es. So ganz langsam kämpfte sich die Morgensonne durch die Wolken und die Bäume und vertrieb den Nebel. Und so ganz langsam hellte sich auch meine Stimmung auf.

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Mein Magen bereitete mir immer noch große Sorgen. Beim ersten Verpflegungsstand hatte ich mich noch geärgert. Alle Getränke waren mit Kohlensäure versetzt. Nur nicht der Zitronentee. Der war aber sehr warm und sehr süß. Nur den konnte man eigentlich auch nicht trinken. Magenprobleme und dann noch Kohlensäure raufkippen? Na, Danke. Und das Essen? Ich hatte ja gehört, dass es auch hier gewisse Traditionen gab: Haferschleim, sehr dünn, mal pur, mal mit Himbeeren, mal mit Orangen. Außerdem Käsebrötchen oder Schmalzbrote. Auch Obst gab es. Aber keine Gummibonbons und keine Salzstangen. Ich machte mir große Sorgen um meinen Magen und ließ den ersten VP aus.

Beim zweiten größeren Verpflegungsstand war nicht nur meine Laune besser. Es kam auch langsam die Einsicht, dass ich irgendetwas essen musste. Ich hatte zwar noch keinen Hunger, aber den ganzen Tag laufen und klettern ohne etwas zu Essen? Nein, das geht nicht. Also mal schauen, wie der Haferschleim schmeckt… Hmmmm…. Boah, ist das lecker. Dann noch ein Schmalzbrot greifen und beim Weitergehen essen. Ein wenig in mich hineingehorcht: Was hält der Magen davon? Der sagt nichts. Ist vermutlich nicht das schlechteste Zeichen. Ich habe dann bei jedem Stand gegessen und reichlich getrunken. Nur auf Würste habe ich verzichtet. Nach einiger Zeit ging es meinem Magen wieder bestens. Kein Grummeln mehr, keine Sorgen mehr. Toll! Jetzt möchte ich natürlich bei jedem Lauf Haferschleim und Schmalzbrot bekommen!

Es wurde langsam richtig sonnig. Es ging munter auf und ab und mein Kopf akzeptierte langsam, dass Schlafen vorerst keine Option sein würde. Meine Laune wurde richtig gut. Der Lauf fing an wirklich Spaß zu machen. Hier und da musste ich mal anhalten um Steine aus meinen Schuhen zu kippen (ich hatte nicht daran gedacht meine Gamaschen mitzunehmen) oder um mal ein Bildchen zu knipsen. Ansonsten ging es sehr konsequent voran: Bergauf immer schnelles Gehen, bergab schnelles Laufen und wenn es flach war, bin ich langsam gelaufen. Ganz konsequent und ohne besondere Anstrengung.

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Die Landschaft fand ich durchaus schön, aber sehr eintönig. Wir liefen eigentlich immer im Wald. Rechts Bäume, links Bäume, unter den Füßen meistens breite Forstwege. Gelegentlich konnte man mal einen Blick in ein Tal erhaschen. Und manchmal wurde es sogar ein wenig trailig. Vor allem gegen Ende des Laufs kamen auch ein paar schmalere Wege und einige mit vielen Baumwurzeln. Auch wenn’s dann etwas anstrengender wird: Sowas mag ich.

Ich hatte mir gar keine Gedanken über meine Zeit gemacht. Das Zeitlimit lag bei 12 Stunden. Das sollte ich auf jeden Fall schaffen. Den Marathon hatte ich nach knapp über 05:10 Stunden erledigt. Da hatte ich noch 30 Kilometer vor mir. Es ist durchaus zu erwarten, dass ich in der zweiten Hälfte eines solchen Laufs langsamer werde. Außerdem lag der höchste Punkt der Strecke noch vor mir. Es würden noch viele Steigungen kommen. Aber so langsam dacht ich: „Hmmm… Unter 10 Stunden… Das könntest Du packen!“. Aber noch war das nur ein unwichtiger Gedanke im Hinterkopf. Noch hieß es: Den Lauf genießen und immer wieder mal mit den anderen Läufern quatschen. Ich war mittlerweile bei allerbester Laune und hatte noch gar keine Lust ans Ziel zu denken – der Lauf hat doch gerade so richtig viel Spaß gemacht.

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Ungefähr bei Kilometer 50 spürte ich, dass die Anstrengung durch die vielen steilen Anstiege doch etwas ungewohnt war. Ich hatte keine Krämpfe, bekomme ich auch praktisch nie. Und auch sonst keine echten Schwierigkeiten. Aber irgendetwas sagte mir, dass ich vorsichtig sein sollte, wenn ich keine Probleme bekommen wollte. Und da ich noch Spaß am Laufen hatte, war ich mir recht sicher, dass dieses Signal nicht von meinem inneren Schweinehund kam, sondern von meinem Körper. Nun gut. Auf den höre ich. Also habe ich beschlossen, mich ein wenig zurück zu nehmen. Das war seltsam. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich nun die Steigungen etwas langsamer gehen und die Downhills etwas langsamer laufen würde. Aber nein: Die Steigungen ging ich schneller als vorher. Die Downhills nahm ich ähnlich schnell wie vorher. Die flachen Strecken, also gerade das, was ich eigentlich sonst immer laufe, dienten mir zur Erholung. Genau dort ging ich nun gelegentlich mal ein Stückchen. Während ich nun bergauf und bergab immer wieder Läufer überholte, rannte diese an den flachen Stücken häufig wieder an mir vorbei. Die Gehpausen dauerten aber nie lange.

Bei Kilometer 54,x kam ein besonderer Verpflegungsposten. Der Grenzadler (Oberhof). Dort gab es die Möglichkeit auszusteigen. Das würde nicht als DNF gewertet, sondern als eigener Lauf. Das kam natürlich gar nicht in Frage: Ich hatte noch unverändert Spaß am Laufen und bis zum Ziel waren es ja auch nur noch ca. 18 Kilometer. Nun fing ganz langsam wieder die Rechnerei im Hinterstübchen an. Die 10 Stunden waren immer noch drin, auch wenn ich durch das gelegentliche Gehen an flachen Stellen etwas Zeit verloren hatte. Und nun setzte sich das auch als mein persönliches Tagesziel in mir fest: Ich wollte unter 10 Stunden bleiben!

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Von nun an überschlug ich also immer wieder wie schnell ich laufen müsste um die 10 Stunden zu knacken. Manchmal kam heraus, dass es locker passen sollte und manchmal wurde es wirklich eng. Das lag zum Teil an Abweichungen meines Garminchens gegenüber der offiziellen Ausschilderung und manchmal auch daran, dass ich mich schlicht verrechnet hatte.

Gerade auf den letzten 10 Kilometern war ich immer wieder hin- und hergerissen zwischen Zuversicht und Verzweiflung. Aber aufgeben wollte ich keinesfalls. Also habe ich immer wieder beschleunigt. Beim offiziellen km 60 Schild zeigte meine Uhr gerade mal ca. 59 km an. Musste ich nun also noch ca. 13 oder doch eher 14 Kilometer laufen? Beim 70 km Schild hingegen war meine Uhr weit vorne, bei 70,9 km. Waren es nun noch 3 oder eher 2 Kilometer? Würde noch fiese Steigungen kommen?

Irgendwann ging es wieder bergab. Und nun dachte ich mir: „Egal, was jetzt passiert: Nun rennst Du einfach drauf los und bleibst erst im Ziel stehen!“ Und tatsächlich war der vorletzte Kilometer des Laufs mit einer Pace von 05:29 min/km mein schnellster Rennsteigkilometer überhaupt!

Als meine Uhr bereits 72,8 km anzeigte sah ich ein rotes Zieltor. War es das nun? Toll! Also noch einmal richtig beschleunigt und eine Gruppe Läufer überholt. Es ging auch gerade wieder bergab. Unten angekommen sah ich allerdings, dass das noch gar nicht das Zieltor war. Keine Ahnung, warum das da stand. Ich musste noch einen Kilometer weiter laufen. Das war mir aber auch egal. Ich bin einfach durchgelaufen und dann kam schließlich auch der tatsächliche Zieleinlauf. Da standen viele Zuschauer und jubelten. Es fühlte sich an als würde ich ins Ziel fliegen. Ein toller Zieleinlauf! Meine offizielle Zeit: 09:49:01 Stunden. Geschafft!

Unter normalen Umständen wäre ich zum Schluss deutlich langsamer geworden. Aber weil ich unbedingt die 10 Stunden knacken wollte, habe ich doch recht viel Energie reingesteckt. Dadurch wurde der Lauf doch ziemlich anstrengend.

Im Ziel und gelegentlich auch unterwegs habe ich noch Jutta und Stephan getroffen, die ich beim PUM bereits gesehen hatte. Und auch Bernd, mit dem ich den Heidschnucken Ultra gelaufen war, kam nur wenige Minuten nach mir ins Ziel.

Es hatte zum Glück nicht geregnet. Und es hatte sich auch niemand an meinem Kleiderbeutel vergriffen. Alles war noch da und trocken. Puuuh. Die Duschen waren trotz der Massenabfertigung angenehm warm.

Etwas unglücklich war der organisatorische Krams: Die Urkunden konnte man sich an einem Stand abholen. Dann musste man zu einem anderen Stand für das Finisher Shirt. Ich habe dann nachgefragt, ob man seine Medaille auch noch irgendwo gravieren lassen könnte. Die Leute wussten gar nicht, was ich damit meinte. Schließlich fand ich aber doch noch ein Zelt, bei dem das möglich war und habe nun (für 7,- Euro extra) meinen Namen und meine Zielzeit auf der Medaille stehen.

Im Starterpaket gab es auch einen Gutschein für ein Finisherbier. Aber auch hier gab es wieder nur etwas mit Umdrehungen. Kam also nicht in Betracht. Ich musste am Abend ja noch zum Hotel fahren. Wieso wird da für Läufer nichts Alkoholfreies ausgeschenkt? Das finde ich wirklich bekloppt.

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Die berühmte Rennsteigparty begann um 18:00 Uhr. Simone und ihre Freundin trafen recht pünktlich ein. Solche „Bierzeltpartys“ finde ich meistens recht fürchterlich und hatte auch hier wieder keine hohen Erwartungen. Aber ich muss sagen: Es war eine tolle Stimmung und gute Musik (abgesehen vom Rennsteiglied), wenn auch etwas laut. Da hätte ich durchaus auch länger feiern können. Allerdings war ich doch sehr müde und habe nur kurz mit einigen Leuten und Simone gequatscht und mich dann bald wieder verabschiedet. Der Tag war lang genug, und der Kopf forderte nun doch langsam mal ein wenig Schlaf. Sollte er bekommen.OLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERAOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Fazit

Der Rennsteiglauf hat mich überrascht. Ich hatte eigentlich nicht viel Positives erwartet. Einige meiner Befürchtungen (z.B. die extreme „Partylastigkeit“) wurden auch erfüllt. In vielerlei Hinsicht hat mich der Lauf aber doch sehr positiv überzeugt. Die Verpflegung war toll, die Stimmung insgesamt an dem Wochenende sehr gut. Der Lauf selbst hat, jedenfalls als die Sonne herausgekommen war, unheimlich viel Spaß gemacht. Und sogar die Abschlussparty war toll.

Landschaftlich gibt es viel schönere Läufe, zum Beispiel den Heidschnuckenlauf. Es gibt auch viel anstrengendere und bergigere Läufe, zum Beispiel den Süntel Trail. Aber dennoch ist der Rennsteiglauf ein besonderer Lauf, den man wirklich mal erlebt haben sollte, wenn man gerne Ultras mit ein paar Höhenmetern läuft.

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Kategorien: Veranstaltungen | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Rennsteig Supermarathon 72,7 km

  1. wenn ich jetzt ein wenig bekloppt im Kopp wäre, hätte ich glatt Lust darauf bekommen, nächstes Jahr auch zu laufen… bin aber nicht bekloppt im Kopp 😉

  2. Dennis

    Ich bin ja froh, nicht der einzige Kritiker zu sein. Ich fand den Lauf landschaftlich ebenfalls recht monoton, um nicht langweilig zu sagen. Die Strecke ist anspruchsvoll, obwohl ich sehr gut mit den Bergen zurecht kam. Bergab mochte ich die krassen Gefälle allerdings nicht so sehr. Organisatorisch und seitens der Helfer(innen) ist die Veranstaltung definitiv sehr gut gelöst. Warum man das aber zig mal wiederholen muss? Keine Ahnung. Ich laufe nächstes Jahr noch die Marathon Distanz (weil dieser aus der anderen Richtung kommt) und dann sieht mich der Rennsteig vermutlich nicht wieder.

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