3. Süntel Trail 2014 (50 Meilen (ca. 80 km), 2600 Höhenmeter)

In der letzten Zeit habe ich kaum geblogt. Das lag vor allem daran, dass die Arbeit mich derzeit massiv vom Laufen und entsprechend auch vom Berichten abhält.
So fand ich keine Zeit vom Wilhelmshaven Marathon oder vom Himmelswegelauf zu berichten, die beide viel Spaß gemacht haben, aber auch etwas quälend waren. Ich komme mit starker Hitze nicht so gut zurecht und brauche reichlich Abkühlung, wenn die Sonne knallt.

Seit dem Himmelswegelauf Ende Juni habe ich leider praktisch gar keine Zeit mehr zum Laufen gefunden. Einmal 25 Kilometer und einmal ca. 20 Kilometer (davon ca. 11 km zusammen mit den Racebookern beim Racebooker HM) war alles. Eine furchtbare Vorbereitung auf einen der schwierigeren Läufe in meinem diesjährigen Laufkalender: Den 3. Süntel Trail am Samstag, 26.07.2014.

Den Süntel Trail bin ich im Vorjahr bereits zusammen mit Toni gelaufen. Ab ca. km 60 oder 65 kann man allerdings kaum mehr von Laufen sprechen. Ich war damals konditionell am Ende und hatte Schmerzen im Sprunggelenk. So starke, dass ich tatsächlich befürchtete, es könne sich um eine schlimmere Verletzung handeln. Die restliche Strecke konnte ich damals nur humpelnd zurücklegen. Das reichte, um mal gerade so innerhalb des 14 Stunden Cut Offs in Ziel zu kommen. Unsere Zeit war 13:48 Stunden. Toni hätte problemlos alleine vorlaufen und sich eine bessere Zeit sichern können, aber wir hatten das Ding zusammen begonnen und er wollte es auch zusammen beenden. So lief es im Vorjahr.

Der Süntel Trail ist wahlweise ein 50 km oder ein 50 M (80,3 km) Lauf. Ich habe mich wie im Vorjahr für die 50 Meilen Variante entschieden. Bei dieser sind ca. 2600 Höhenmeter zu überwinden. Der Veranstalter („Häuptling Helmut“) hat für die Streckenführung wunderschöne Single Trails ausgewählt. Man läuft so gut wie gar nicht auf Asphalt und nur wenig auf breiten Forststraßen. Den Schwerpunkt bilden kleinere Waldwege und natürlich wahnsinnig schöne Single Trails, bei denen man teilweise nicht einmal sehen kann, dass es sich um Wege handelt. Wege, die kein Tourist freiwillig betreten würde, weil es einfach direkt in die „Wildnis“ hinein geht, direkt durch Pflanzenbewuchs, einen Bachlauf hoch, über unwegsame Steine etc. Nichts für Asphaltjunkies und Bahnläufer…

Toni wollte auch wieder starten. Er hatte im Vorfeld mehrfach umgeplant wie und wann er an- und abreisen würde. Ich hatte mal wieder nur die Hälfte des Gehörten richtig verarbeitet. Er reiste mit dem Zug an. Ich holte Freitag am Nachmittag noch unseren Lauffreund Stefan ab, der den Süntel zum ersten Mal unter die Beine nehmen wollte, und fuhr mit ihm zusammen nach Bad Münder. Dort wollten wir dann die abendliche Pizza mit den anderen Läufern, Veranstaltern und Süntelgeistern (das sind die Helfer bei diesem Lauf) futtern. Als Besonderheit waren auch meine Frau (Simone), meine Schwiegermutter (Eri) und zwei Freundinnen der Familie (Sonja und Andrea) vor Ort. Sie waren separat angereist und hatten mit dem Lauf eigentlich nichts zu tun. Aber da man dort gut und günstig das Wochenende verbringen und gut Essen konnte, wollten Sie die Bildungsstätte in Bad Münder als Zentrale für einen Wochenendausflug in die Umgebung nutzen. Sie trafen fast zeitgleich mit Stefan und mir dort ein. Toni dachte, dass ich die Mädels mit im Auto hätte und dass der Wagen voll sei. Wenn wir uns gegenseitig besser zugehört hätten, hätte er bei mir mitfahren können…

Für die 50 Meilen Läufer war es wieder einmal eine sehr kurze Nacht. Der Wecker klingelte um 04:20 Uhr. Um 04:45 Uhr waren wir auch schon beim Frühstück. Um 05:30 Uhr gab es noch ein kurzes Briefing, bei dem der Häuptling auf die Besonderheiten des Laufs hinwies. Als er erwähnte, dass man an der Südwehe auf jeden Fall oben bleiben und nicht herunter laufen sollte, rief Toni laut: „Wer macht denn sowas?“ und schaute etwas betreten drein, denn natürlich hatten wir uns genau dort im Vorjahr heftigst verlaufen…
Ansonsten gab es nur eine Änderung, die ich ein wenig schade fand. Der Steinbruch, an dessen Kante wir im letzten Jahr noch entlang gelaufen waren, wurde diesmal ausgelassen. Mittlerweile gilt die Kante als abbruchgefährdet und man darf da nicht mehr einfach so entlanglaufen. Schade, weil es dort sehr schön war. Gut, weil man sich ja auch nicht sinnlos gefährden möchte.

Nicht alle Läufer haben die Nacht von Freitag auf Samstag am Startort verbracht. Einige Läufer reisten auch erst am Morgen an. Darunter beispielsweise der Seriensieger Michael Hartmann oder auch mein Laufbegleiter vom Heidschnucken Ultra, Bernd Rohrmann. Es hat mich sehr gefreut ihn hier wieder zu treffen. Viel Zeit zum Quatschen hatten wir aber leider nicht, da es pünktlich um 06:00 Uhr (nach des Häuptlings Uhr, bei mir war es zwei Minuten später) losging. Startschuss, Uhr und Navi gestartet, los.

Toni hatte wie im Vorjahr GPS Navigationsgeräte bei einem Onlineverleih für uns ausgeliehen. Das ist bei den wenigen Navigationsläufen, die wir machen, günstiger als die Dinger plus Kartenmaterial zu kaufen. Für Stefan hatte er auch ein Gerät organisiert, so dass wir Bremer alle gut ausgestattet waren.

Toni und ich hatten uns im Vorfeld (vor Monaten bereits) als Zielzeit 12:30 Stunden vorgenommen. Da ich in letzter Zeit aber wenig gelaufen war und reichlich Fitness eingebüßt hatte, habe ich das Unterfangen für aussichtslos gehalten und wollte eigentlich nur irgendwie innerhalb der Cut Off Zeit finishen. Ich hatte Toni vorgewarnt und ihm gesagt, dass er vielleicht lieber alleine laufen oder sich einer schnelleren Gruppe anschließen sollte, wenn er die Zeit schaffen möchte. Aber er wollte wieder zusammen mit mir laufen, so wie es geplant war. Wir korrigierten unsere Zielsetzung wie folgt:

  1. Primärziel: Ankommen innerhalb der Cut Off Zeit
  2. Sekundärziel: Besser als im letzten Jahr sein (was ja fast identisch mit 1. ist)
  3. Tertiärziel: 13 Stunden knacken
  4. Absurde Wunschvorstellung: 12:30 Stunden

Die ersten paar Kilometer liefen wir langsamer als im Vorjahr, aber immer noch deutlich schneller als die für die Cut Off Zeit erforderliche Pace. Erstaunlicherweise fühlte sich das Laufen von Anfang an recht gut an und machte Spaß.

Wir ließen uns frühzeitig etwas nach hinten fallen und versuchten ganz bewusst nicht das Tempo anderer Läufer mitzugehen. Im Vorjahr waren wir die ersten 20 km unheimlich schnell unterwegs, konnten zum Ende aber überhaupt nichts mehr reißen. Diesmal wollten wir schlauer sein, obwohl das ja eigentlich nicht meine Art ist.

Man kommt nach einigen Kilometern an einen breiten Forstweg. Im Vorjahr sind wir hier einigen anderen Läufern gefolgt und haben dabei eine Abzweigung in einen unauffälligen Trail übersehen. Der Forstweg führte dann zwar auch wieder auf die Strecke, war aber vergleichsweise langweilig, wenn auch schnell belaufbar. In diesem Jahr wollten wir schlauer sein und sind gar nicht erst in den Forstweg hinein gelaufen. Wir dachten, wir müssten noch etwas weiter um auf diesen ominösen Trail zu kommen. Einige Läufer, die hinter uns waren, riefen uns noch zu: „Doch, der Weg hier ist richtig. Ich komme von hier! Glaubt mir!“ Wir glaubten es erst, als der Weg, den wir genommen hatten, auch wieder auf den Forstweg führte und die Jungs uns dann nach einigen Metern Forstweg den eigentlichen Trail gezeigt hatten. Ich glaube, dass wir ohne diese Hilfe wieder daran vorbei gerannt wären…

Seit mehreren Wochen war es sehr warm. Teilweise knallte die Sonne richtig brutal herunter. In den letzten beiden Tagen hatte es hingegen fast durchgehend geregnet und gewittert. Dadurch war es am frühen Morgen noch angenehm kühl und etwas wolkig. Perfektes Laufwetter. Allerdings rechneten wir mit glatten und nassen Böden. Deshalb hatten Toni und ich im Vorfeld beschlossen, dass wir mit Trailschuhen starten würden. Das erwies sich als sehr gute Entscheidung! Bereits bei diesem ersten „echten“ Single Trail des Laufs ging es steil herunter über unheimlich glatte Steine, Laub und nasses Holz. Mit Sommerschuhen hätte ich Probleme bekommen. So war alles gut, obwohl man trotzdem bei jedem Schritt aufpassen musste und obwohl man immer wieder mal weggerutscht ist.

Es ging ein wenig wellig weiter. Wir setzten exakt unsere geplante Strategie um:

  • Bei Steigungen gehen wir zügig.
  • An mehr oder weniger ebenen Stellen wird nach Gefühl schnell gegangen oder gelaufen.
  • Downhills werden so schnell gelaufen wie es sicher möglich ist.

Toni ist bergauf und in der Ebene viel, viel besser als ich. Zu meiner Überraschung kann ich ihn bei Downhills im Wald aber abhängen. Das hatte er zwar schon mehrfach behauptet, geglaubt hatte ich es ihm bisher aber nie. Nach einem steilen Abstieg dauerte es einige Sekunden, bis er wieder bei mir war. Und obwohl sich der Downhill für mich leicht angefühlt hatte, sagte Toni mir, dass er stellenweise mit 3:55 min/km unterwegs gewesen war. Dann muss das bei mir ja noch ein wenig schneller gewesen sein. Wow. Gar nicht mein Pacebereich. Das hat sich an den ebenen Stellen und insbesondere bei den Steigungen aber wieder eingependelt. Die Durchschnittspace lag fast immer irgendwo zwischen 08:00 min/km und 09:40 min/km. Für einen flachen Lauf wäre das sehr langsam. Für den Süntel finde ich es gut.

Die erste Verpflegungsstelle (VS) kam nach knapp unter 16 km. Bis kurz vorher war es immer so, dass wir manchmal einige Läufer überholten und diese dann wieder uns. Aber bei den Downhills scheinen wir doch einen gewissen Vorsprung herausgeholt zu haben. An der VS trafen wir noch einige schnellere Läufer wie Ingmar und Dennis, die die VS kurz vor uns erreicht hatten und auch vor uns wieder verließen. Auch Michael und einige andere kamen noch an, als wir gerade wieder losliefen. Aber wenn man bedenkt, dass wir bis kurz vorher noch mit vielen Läufern auf Tuchfühlung waren, war der Abstand nun erstaunlich.

Stefan wollte für sich alleine Laufen. Er war in dieser Phase des Laufs immer wieder mal kurz vor und mal kurz hinter uns, aber eigentlich immer in unserer Nähe.

Der Lauf ist so strukturiert, dass man zunächst eine Runde um den Deister dreht und dann in das Süntel Gebiet hinüber läuft. Dort läuft man dann immer wieder den Süntel hinauf und herunter und zum Beispiel zweimal aus unterschiedlichen Richtungen den Süntelturm an. Zum Schluss geht es dann wieder Richtung Deister und dann ohne die Extra Runde um den Deister zum Ziel.

Die Deister Runde hatten wir hinter uns. Die Etappe zur zweiten Verpflegungsstelle besteht hauptsächlich aus dem Hinüberlaufen zum Süntel und einer ersten Kostprobe des Süntels. Abgesehen davon, dass man kurz am Bahnhof von Bad Münder und an einem Golfplatz vorbeikommt, wird Kontakt mit Städten und Dörfern erstaunlicherweise fast komplett vermieden. Nach dem Bahnhof geht es an Feldern entlang, immer wieder durch kleinere Waldgebiete und natürlich durch das berüchtigte Brennesselfeld. Im letzten Jahr mussten wir hier durch mannshohe Brennesseln rennen. Ein Spaß, den man sich auch nicht freiwillig gönnt. Mental waren wir bestens darauf vorbereitet, dass wir das nun wieder erleben würden. Merkwürdigerweise waren wir deshalb fast schon ein wenig enttäuscht als wir bemerkten, dass kaum Brennesseln da waren. Durch das Feld zu laufen war überhaupt kein Problem, abgesehen davon, dass es dort eine extrem glatte Holzbrücke gab, auf der man leicht ausrutschen konnte.

Nun hatten wir nach ca. einem Halbmarathon also den Süntel erreicht. Nicht einmal ein hoher Berg, wenn man ihn sich aus der Ferne ansah. Aber wir wussten ja bereits, was da auf uns wartete…

Bereits kurz vor der zweiten Verpflegungsstelle wird die Strecke erheblich anspruchsvoller. Die Anstiege werden härter, die Trails trailiger. Wir erinnerten uns wieder daran, wie schwierig wir diesen Abschnitt im letzten Jahr fanden und wie groß unsere Augen wurden als uns an der zweiten VS gesagt wurde, dass es nun erst richtig losginge…

Diesmal kamen wir bei der VS an und wussten bereits, dass es nun ganz sicher nicht leichter werden würde. Als wir dann aber weiter liefen, waren wir doch schockiert, WIE steil es da auf einmal hochging. Stefan war wieder einmal direkt bei uns. Wir nahmen die erste harte Steigung nach der VS gemeinsam. Ein Weg, der aus bewohntem Gebiet steil direkt in das waldige Gebiet führte. Auf direktem Weg nach oben. Der Anstieg war hart, aber wir blieben hier noch zusammen. Stefan ließ nur ein wenig abreißen, war aber noch eine Weile immer wieder mal in Sichtweite.

Es ging schließlich Serpentinen artig in die Höhe. Und dann kam wieder eine fiese Kleinigkeit. Wir sollten dem breiten Weg nicht folgen, sondern superscharf links abbiegen. Dumm nur, dass da kein, aber auch wirklich überhaupt kein Ansatz eines Weges zu erkennen war. Trotzdem… Im Briefing meinte Helmut noch: „Wenn das Navi sagt: ‚links‘, dann lauft nach links – egal, ob da ein Weg ist oder nicht.“ Und in unserer Erinnerung tauchte dieser Nichtweg auch wieder auf. Aber wenn man genau hinsah, erkannte man Spuren. Ganz links war ein Pflanzenbüschel, über das kürzlich mal jemand gelaufen sein musste. Etwas weniger weit links war ein Pflanzenbüschel, über das kürzlich mehrere Leute gelaufen sein mussten. Wir waren uns nicht sicher und wollten gerade in den weniger weit links liegenden Nichtweg laufen, als genau aus diesem Ingmar, Dennis und ein weiterer Läufer herauskamen. Es war der falsche Weg. Also sind wir nun in einer fünfer Gruppe in den ganz links liegenden Nichtweg gebogen und dort gemeinsam hochgelaufen. Das war unglaublich: Da deutete wirklich nicht viel darauf hin, dass dieser Weg in den letzten Jahren mal von jemandem betreten worden wäre. Ich hatte danach ca. 10 Millionen Kletten an der Kleidung.

Dennis kannte ich bereits vom Heidschnuckenlauf und auch vom Rennsteig. Mit Ingmar sind wir bereits im letzten Jahr phasenweise gelaufen. Er ist ein stärkerer Läufer als ich, hatte sich aber im letzten Jahr häufiger verlaufen. Wenn ich damals nicht so eingebrochen wäre, hätte ich vielleicht mit ihm mithalten können. In diesem Jahr hatte auch er ein gutes Navi dabei. Die Chancen in diesem Lauf mit ihm mitzuhalten, waren also nicht gut. Dennis hatte zur Navigation nur eine GPS Uhr. Das ist bei einem solchen Lauf aber etwas zu wenig. Deshalb lief er mit Ingmar vom Anfang bis zum Ende gemeinsam. Die beiden sind ca. 20 Minuten vor uns ins Ziel gekommen. Aber bei diesem Nichtweg hatten wir noch einmal etwas Genugtuung: Toni und ich liefen beide im PUM Finishershirt. Das knallpinke Ding, das so herrlich kleidsam ist. Auf dem Nichtweg hörte ich Ingmar kurz meckern: „Jetzt muss ich hinter den Bremern einen Berg hoch. Und dann sind die noch in pink!“ Den Begleiter der Beiden kannten wir auch bereits. Das wussten wir zu diesem Zeitpunkt aber nicht.

Als wir oben ankamen liefen uns die anderen recht schnell wieder davon. Wir hatten auch keinen Ehrgeiz aufzuschließen. Wir wollten unseren Plan befolgen. Merkwürdigerweise war Stefan nicht wieder aufgetaucht, obwohl wir am Eingang zum Nichtweg ziemlich viel Zeit verbracht hatten. Er muss da irgendwo selbst langsamer geworden oder sich bereits vorher etwas verirrt haben. Wir sahen ihn erst im Ziel wieder. Die ungewohnte Navigation per GPS Gerät und das Laufen durch teilweise nicht erkennbare Wege führten bei ihm zu erheblichen Zeitverlusten wie er später berichtete.

Schließlich kamen wir zum ersten Mal am Süntelturm an. Und wen trafen wir dort? Natürlich: Ingmar, Dennis und ihren Begleiter. Sie suchten gerade den richtigen Weg. Ich war mir sicher mich daran zu erinnern, dass es einfach links in einen unscheinbaren Weg hineinging. Die anderen meinten aber der Weg sei noch etwas weiter unten. Wir liefen ein wenig hin und her, schauten auf die Umgebung und auf unsere Navis und schließlich liefen wir in „meinen“ Weg. Das war ausnahmsweise mal wieder richtig. Wieder liefen die anderen zügig davon. Wir sahen Ingmar und Dennis später noch einmal an einer Verpflegungsstelle bei Kilometer 40. Danach erst wieder im Ziel. Ihrem Begleiter begegneten wir schon vorher noch einmal…

Es ging munter rauf und runter, die ganze Zeit. Manchmal öffneten sich weite Blicke, machmal sah man nur Bäume um sich herum und manchmal waren die „Wege“ extrem schmal – und es ging sehr steil auf der einen Seite hoch und auf der anderen Seite herunter.

Eine solche Stelle war der Aufstieg zur Aussichtsplattform „Hohenstein“. Das war ein wunderschönes Fleckchen. Man musste sehr vorsichtig sein, kam aber gut dort entlang und hatte einen tollen Ausblick und den Kick des „Abgrunds“. Wunderbar. Beim Aufstieg machte ich unmittelbar vor der obersten Ebene einen Fehler und führte uns knapp unterhalb des eigentlichen Wegs entlang. Plötzlich wurde es extrem unwegsam. Und als es dann vor uns steil runter ging, war uns klar, dass etwas nicht stimmen konnte. Wir suchten eine Möglichkeit wieder auf den richtigen Weg zu kommen, fanden sie und alles war gut. Ganz ungefährlich war das nicht. Hier zeigte sich wieder einmal, dass man bei solchen Läufen wirklich konzentriert sein muss. Allzu viel Zeit haben wir hier zum Glück nicht verloren.

Wir genossen noch kurz den Ausblick und Toni machte auch ein paar Fotos. Aber dann ging es auch schon zügig weiter.

Irgendwann kamen wir bei der Verpflegungsstelle 5 an, der Bergschmiede, die auch gleichzeitig die VS 6 war. Denn hier mussten wir nun eine Schleife laufen, die uns zunächst noch einmal zum Süntelturm führte, dann wieder weit herab, dann noch einmal die Eulenflucht hinauf und schließlich wieder zur Bergschmiede.

Als wir an VS 5 ankamen, wechselten wir beide unsere Schuhe. Die Trailschuhe waren am Morgen großartig. Aber nun kamen nur noch wenige fiese Anstiege und die harten Trailschuhe taten nun langsam doch weh. Der Schuhwechsel war herrlich. Gleich ein ganz anderes Laufgefühl. Unsere Shirts hatten wir bereits bei km 40 (VS Pappmühle) gewechselt. Von PUM pink auf Racebooker Schwarz. An der Bergschmiede verbrachten wir wegen des Schuhwechsels ein wenig mehr Zeit als an den anderen Verpflegungsstellen. Dabei zickten wir uns auch mal wieder ein wenig an, wie wir das ja meistens machen. Prompt wurden wir gefragt wir lange wir denn schon verheiratet seien… Tja, vielleicht hätten wir doch nicht in pinken Shirts starten sollen…

Wir kannten den Einsatz der Helfer aus dem letzten Jahr und waren begeistert von der Hilfsbereitschaft und der guten Laune an den Verpflegungsstellen wie auch allgemein von der Organisation des gesamten Events. Toni hatte deshalb die Idee, dass wir den Süntelgeistern doch Buttons als Dankeschön basteln könnten. Simone und ich setzten die Idee um und erstellen „Bester Süntelgeist“ Buttons und kauften einige Bremer Babbeler. Der nimmermüde Toni nahm es dann auf sich diese Mitbringsel während des Laufs in seinem Rucksack zu transportieren und an den Verpflegungsstellen jeweils zu verteilen. Für den Cheforganisator gab es im Ziel dann noch den „Häuptling Helmut“ Button samt Babbeler.

Kurz nachdem wir bei km 40 auf schwarze Racebooker Shirts umgestiegen waren, kam die Sonne heraus und brannte stellenweise recht heftig. Häufig waren wir im Schatten, dann war es ok. Aber immer wieder liefen wir auch in die Sonne oder durch Täler, in denen die aufgewärmte Luft stand und einem das Leben schwer machte. Ich bin in dieser Hinsicht sehr empfindlich. Das habe ich vor einiger Zeit beim Wilhelmshaven Marathon mal wieder gemerkt, als ich bei km 23 kaum noch laufen konnte und mehrere VPs brauchte, an denen ich mir haufenweise Wasser über den Kopf goss, bis es wieder gut war.

Hier zeigte sich mal wieder wie stark Toni ist. Er brauchte wesentlich weniger Trinkwasser als ich. Während ich mit Trinkrucksack mit 2 Liter Blase gelaufen bin, hatte er drei Flaschen mit jeweils 650 ml dabei. Und davon brauchte er nur zwei von VS zu VS. Als es sehr warm wurde, füllte er trotzdem auch die dritte Flasche mit Wasser auf und reichte sie mir unterwegs gelegentlich, damit ich mir etwas kaltes Wasser über den Kopf kippen konnte. Das war unheimlich hilfreich und wirklich beachtlich. Er musste so ja immerhin Einiges mehr mitschleppen als eigentlich nötig gewesen wäre.

Als wir schließlich nach dem zweiten Süntelturmbesuch wieder von der Bergschmiede aufbrachen, wussten wir, dass es nun nur noch ca. zehn Kilometer bis zum Ziel waren. Und es begann gleich nach meinem Geschmack: Bergab! Und während ich hier im letzten Jahr nur noch humpeln konnte, konnte ich jetzt immer noch recht gut laufen. Es ging lange und weit bergab. Herrlich. Wir machten eine Menge Zeit gut. Ich spürte meine Kräfte nun aber doch erlahmen. Deshalb wollte ich versuchen einfach konstant zu bleiben und weiterhin exakt nach unserem Plan zu arbeiten. Das würde nun viel Gehen bedeuten, obwohl man bei diesem Streckenabschnitt viel hätte laufen können, wenn man nicht bereits 70 Kilometer in den Beinen gehabt hätte. Toni war einverstanden. Wir vereinbarten, dass ich nicht mehr groß auf meine Uhr schaue, sondern nur noch auf das Navi und die Umgebung, und dass er mir keine Hochrechnungen mitteilt („Wir sind auf 13 Stunden Kurs“ oder sowas), sondern dass er mich lediglich warnen würde, falls wir Probleme mit dem Cut Off bekommen sollten. Damit rechneten wir aber beide nicht mehr. Dazu ging es uns doch noch zu gut.

Direkt nach dem Downhill sahen wir ca. hundert Meter vor uns den Läufer wieder, der vorhin noch Ingmar und Dennis begleitet hatte. Es sah aus als hätte er Probleme und könnte nur noch gehen. Beinahe hätten wir ihn eingeholt. Aber als der Boden wieder ebener wurde, wechselte er wieder in den Laufschritt und lief uns davon. Ich hatte keine Kraft mehr um ihn einzuholen. Als wir später gemeinsam beim Essen waren, erzählte er mir, dass er uns erkannt hatte. Im letzten Jahr überholte er uns nämlich ca. einen Kilometer vor dem Ziel. Diesmal war es ein wenig deutlicher: Er kam ca. vier Minuten vor uns ins Ziel.

Wenige hundert Meter vor dem Ziel sagte Toni mir dann doch wo wir standen. Wir waren bei ca. 12:27 Stunden und hatten noch ca. dreihundert Meter vor uns – leider bergauf und dann noch ein kleines Stückchen eben. Als wir oben waren nahm ich noch einmal alle Kräfte zusammen – und wir liefen ins Ziel, wo wir sofort je eine Medaille umgehängt bekamen. In dem Moment stoppte ich meine Uhr. Sie zeigte unglaubliche 12:29:11 Stunden an. Wir hatten es also tatsächlich geschafft unsere Zielzeit zu erreichen, an die ich nicht einmal im Ansatz mehr geglaubt hatte. Unsere offizielle Zeit lautet 12:30 Stunden. Aber das macht für mich keinen Unterschied.

Ich war unmittelbar nach dem Zieleinlauf total platt. Unfassbar, dass der Sieger bereits drei Stunden vor uns ins Ziel gekommen war. Die Erschöpfung nach solch einem Zieleinlauf kann man auch einen Augenblick genießen und einfach ein wenig auf dem Boden liegen bleiben. Nach einigen Minuten schleppte ich mich schließlich zur Dusche und zog dann auch frische Klamotten an. Als mein Körper realisierte, dass nun erst einmal Schluss mit Laufen war, zwickten Beine und Füße ein wenig. Gehen und Treppensteigen liefen sehr unrund bei mir. Ich hatte den Eindruck, dass den anderen Läufern das alles leichter fiel.

Einige Zeit nach unserem Zieleinlauf zog ein kräftiges Gewitter auf. Einige der Läufer, die noch unterwegs waren, mussten sich irgendwo Schutz suchen. Der Cut Off wurde natürlich um diese Wartezeiten verlängert.

Es gab noch ein gemeinsames Abendessen und eine schöne Siegerehrung. Ich ging früh ins Bett und schlief etwas unruhig. Meine Beine wollten anscheinend noch ein wenig weiterlaufen.

Am nächsten Morgen stand ich auf und die Wehwehchen waren weitestgehend verschwunden. Ich kann wieder normal gehen und auch sonst ist wieder alles in Ordnung. Dem Fußballspiel morgen und dem 5 km Lauf übermorgen steht nichts im Wege.

Der Süntel Trail ist und bleibt ein unglaublich schöner und anstrengender Lauf. Ich bin sehr froh, dass ich wieder dabei war.

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Kategorien: Veranstaltungen | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „3. Süntel Trail 2014 (50 Meilen (ca. 80 km), 2600 Höhenmeter)

  1. Dennis

    Das hast Du mal wieder sehr schön zu „Papier“ gebracht. Mein Kopf wird bei solchen Anstrengungen immer leerer, um so schöner finde ich es dann Deine ganzen Details zu lesen und mich langsam wieder daran zu erinnern!

    • Vielen Dank!

    • Und dabei habe ich ja viele Details ausgelassen, etwa den extrem matschigen, glatten und mit irre viel Holz leicht sperrigen Abschnitt nach dem ersten Süntelturmbesuch, den Aufstieg zur Blutbachquelle am Bachlauf, den fiesen Eingang zur Südwehe, den man so leicht übersehen kann, oder auch die sogenannten steinernen Treppen, die mit Treppen nicht viel zu tun haben… 😀

      • Dennis

        Da gab es ja so manchen Eingang, den man als solchen gar nicht wahrnimmt… und die Treppen, die waren eigentlich ein Hindernissparkour die wenn man sie hoch musste so gestellt sind, dass sie bergauf gehen…

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