111+x km Hitzeschlacht von Soltau nach Hamburg

Der Heidschnucken Ultra war vor zwei Jahren mein bisher längster und härtester Lauf. Damals war ich gut trainiert. Und für diesen Lauf hatte ich mich erneut angemeldet. Ob das eine gute Idee war? Wie sollte ich das Ding noch einmal schaffen?

Die Anreise

Aber der Reihe nach. Ein Lauf beginnt mit der Anreise. Da es sich um einen Punkt-Zu-Punkt Lauf handelt, ist hier etwas Planung im Vorfeld nicht verkehrt. Man muss zum Start kommen und man muss vom Ziel wieder wegkommen.

Simone hat angeboten mich nach dem Lauf vom Ziel abzuholen. Das vereinfachte die Sache ungemein.

Ich traf mich also am Freitag mit Sebastian (San Seppo) am Bahnhof. Wir fuhren mit dem Zug nach Soltau und gingen zum Hotel. Danach waren wir noch beim Griechen und hauten uns die Wampen voll.

Ich hatte vergessen meine Tasche zu beschriften. Da man Taschen sowohl für das Ziel als auch für diverse Verpflegungspunkte abgeben konnte, sollten sie beschriftet bzw. beschildert werden.

Außerdem konnte ich im Vorfeld nichts ausdrucken – mein Drucker hat den Geist aufgegeben. San Seppo brachte mir deshalb das ausgedruckte Roadbook etc. mit.

Das Roadbook enthält eine Wegbeschreibung für die letzten 11,9 km der Strecke, da dieser Teil nicht mehr auf dem Heidschnucken Weg verläuft.

Da man das Roadbook lange Zeit in den schweißnassen Händen hält, empfiehlt es sich das Ding zu laminieren. Das konnte ich im Vorfeld aber ja nicht machen. Also gingen wir noch in einen Supermarkt, bei dem ich mir einen Stift und Klebeband kaufte.

Im Hotel fertigte ich mir damit ein Ziel-Schild für meine Tasche an und „laminierte“ das Roadbook mit reichlich Klebefilm, so dass der Zettel resistent gegen Feuchtigkeit wurde.

Auf dem Weg zum Hotel trafen wir noch Christian Hottas und Christine Schroeder und schnackten noch kurz mit ihnen. Christian war ebenso wie San Seppo zum ersten Mal dabei. Christine war wie ich eine Wiederholungstäterin.

Der Start

Man konnte sich eine von drei möglichen Startzeiten aussuchen: 05:15 Uhr, 06:00 Uhr oder 07:00 Uhr. In jedem Fall musste man bis nachts um 02:15 Uhr im Ziel sein. San Seppo und ich hatten uns für die früheste Startzeit entschieden.

Der Hotelbetreiber versprach uns das Frühstück um 04:00 Uhr fertig zu haben. In diesem Hotel war ich vor zwei Jahren auch schon. Damals haben dort auch andere Läufer genächtigt. Im Hauptgebäude gab es aber wohl eine erhebliche Geräuschkulisse in der Nacht – und das Frühstück war damals auch nicht rechtzeitig fertig.

Ich hatte davon nicht viel mitbekommen, da ich im Nebengebäude übernachtet hatte. Und damals bin ich erst um 06:00 Uhr gestartet. Als ich aufstand, war das Frühstück fertig. Aber die damaligen Probleme haben die übrigen Läufer, die teilweise ja schon einmal dabei waren oder von anderen Teilnehmern Tipps eingeholt hatten, davon abgehalten dieses Hotel erneut zu buchen.

Ich bin ein Optimist und glaubte daran, dass schon alles klappen würde. Damit lag ich richtig: Das Essen war pünktlich fertig. Und auch sonst war alles in Ordnung.

Viel gegessen haben wir beide nicht. Sooo früh bekomme ich kaum etwas rein. Ein Brötchen und eine Tasse Kaffee sowie zwei Gläser Orangensaft. Mehr ging nicht.

Pünktlich um 04:30 Uhr schlenderten wir Richtung Start. Zwischen dem Hotel und dem Start liegt ein kleiner Park. Die Distanz, die wir zurücklegen mussten, war lächerlich. Vielleicht 300 Meter. Aber obwohl es nicht weit war und obwohl ich dort damals schon einmal entlanggegangen bin, verliefen wir uns. Nicht weit, nicht problematisch, aber immerhin…

Wir waren dennoch als Erste am Treffpunkt. Einige Sekunden später kamen dann aber auch schon Frank und Elke angefahren und dann Schritt für Schritt auch alle anderen. Von 20 gemeldeten Teilnehmern, haben zwei noch abgesagt. Und von den verbliebenen 18 Startern hatten 10 die früheste Startzeit gewählt.

Wir gaben unsere Taschen ab, wobei Frank ausdrücklich meine gute Beschriftung lobte (hüstel…), und erhielten noch einige Hinweise zur Strecke. Insbesondere wies Frank auf Gabelungen hin, bei denen man sich leicht verlaufen konnte.

Bis vor kurzem hatte es nachts noch gefroren. Für den Lauf hingegen war hochsommerliches Wetter angesagt – es sollte der bisher wärmste Tag des Jahres werden mit Temperaturen von bis zu 33 Grad in der Sonne. Deshalb hob Frank das Cut Off auf. Jeder, der in einem angemessenen Rahmen ins Ziel kam, würde als Finisher gewertet. Niemand sollte sich nur wegen einer Cut Off Zeit zu sehr antreiben bei der Hitze. Eine sehr vorbildliche Entscheidung! Das war eine von den Situationen, bei denen man merkt, dass die Organisatoren das nicht einfach irgendwie abspulen, sondern mit Herz und Verstand bei der Sache sind und selbst als leidenschaftliche Läufer die Bedürfnisse und Probleme auf der Strecke verstehen.

Der Start fand pünktlich um 05:15 Uhr statt. Es wurde langsam bereits hell, so dass wir keine Stirnlampen brauchten. Eine kurze 200m Runde durch den Park, weil die Strecke ansonsten nur 110,8 km lang gewesen wäre. Und dann richtig los.

Die San Seppo Taktik

In fast jedem Bericht schreibe ich, dass ich zum Überpacen neige. Die frühe Startzeit habe ich vor allem gewählt, um das hier zu verhindern. In Bispingen bei km 23 sollte ein Verpflegungspunkt mit Frühstück (Brötchen etc.) eingerichtet werden. Allerdings durften wir diese ersten 23 km nicht schneller als 02:45 Uhr zurücklegen. Sonst würden wir den VP möglicherweise noch nicht antreffen. Wer schneller laufen wollte, musste eine spätere Startzeit wählen. Ich hatte mich ursprünglich wieder für 6:00 Uhr angemeldet, war dann aber recht kurzfristig auf 05:15 Uhr umgeschwenkt.

Das Wissen um die frühestmögliche Ankunftszeit in Bispingen im Hinterkopf bremst automatisch. Und das ist zu Beginn eines so langen Laufs eine gute Sache.

Ich hatte beschlossen diese ersten 23 km mit San Seppo gemeinsam zu laufen. Er ist ein sehr erfahrener Langstreckenläufer, der in 24h über 180 km zurücklegen kann. Und er ist die Heidschnuckenstrecke im Vorfeld in mehreren Trainingsetappen bereits abgelaufen.

Er hatte sich eine Taktik zurecht gelegt: Immer im Wechsel 6 Minuten laufen und 4 Minuten gehen. Und zwar von Anfang an. Das klingt eigenartig. Aber wenn ein so erfahrener Läufer so etwas vorschlägt, könnte ja etwas dran sein.

Und tatsächlich steuerte San Seppo unser Tempo auf den ersten 23 km perfekt mit dieser Methode. Er sagte immer an, wann wir mit dem Laufen beginnen sollten und wann wir wieder gehen sollten. Das war manchmal eigenartig: Gehen, obwohl man gerade perfekt am Rollen war. Und manchmal begannen die Laufphasen an ungünstigen Stellen. Etwa, wenn es gerade bergauf ging.

Zu Beginn des Laufs war allerdings noch Kraft im Überschuss vorhanden. Ich ließ mich auf das Experiment ein. Und wir kamen gut voran. An manchen Stellen passten wir die Taktik dann allerdings doch etwas an die Umgebung an, so dass wir bergab Passagen immer liefen und bergan auch schon mal gingen.

Irgendwann rief San Seppo übermütig: „Wo bleibt die Qual? Ich vermisse die Qual!“ Aber das sollte nicht lange so bleiben. Die Qual würde uns schon noch irgendwo auflauern…

Wie findet man den Weg?

Der Lauf führt ca. 99 km den Heidschnucken Weg entlang. Das ist ein wunderschöner Wanderweg mit einer Gesamtlänge von 223 km, der unter anderem durch die Lüneburger Heide führt. Der gesamte Weg ist beschildert und mit kleinen Kennzeichen (weißes „H“ auf schwarzen Hintergrund) markiert.

Man kann den Weg grundsätzlich also einfach finden, indem man diesen Markierungen folgt. Zusätzlich hatten wir alle eine Wanderkarte dabei, die Bestandteil der Pflichtausrüstung war. Und als ob das nicht genug wäre hatten viele Läufer auch noch den GPS Track der Strecke auf ihren Navis oder auf ihren Uhren.

Meine Garmin Forerunner 305 ist toll. Grundsätzlich kann man damit auch navigieren. Und der Akku hält auch nach Jahren noch immer über 12 Stunden durch. Aber das reicht bei diesem Lauf nicht. Deshalb hatte Toni mir angeboten mir seine Suuntu für den Lauf zu leihen, die 24 Stunden durchhalten sollte. Das nahm ich gerne an. Er spielte den GPS Track auf das Gerät, ich lud den Akku voll auf.

Da ich die Uhr nicht gewohnt war, wusste ich nicht genau wie ich sie bedienen sollte. Toni hatte es mir ganz kurz gezeigt. Das Aussuchen des Tracks und das Starten war dabei kein Problem (obwohl man dafür einen Menüpunkt „Trainieren“ auswählen musste, um den ich im Normalfall eigentlich einen Bogen gemacht hätte).

Allerdings kam ich nicht in die grafische Anzeige der Strecke – und genau auf die kam es mir an. Die übrigen Daten (Geschwindigkeit etc.) interessierten mich nicht. Ich spielte ein paar km mit dem Ding herum und hatte es irgendwann kapiert.

Die Uhr zeigt den Track schön an. Und bei der Anzeige „200m“ kann man alles gut erkennen.

Ich war nun sehr zuversichtlich, dass nichts schiefgehen konnte. Markierungen, Karte und GPS. Da kann man sich doch gar nicht verlaufen.

Leider zeigte die Uhr bereits um 12:09 Uhr, also nach nur sieben Stunden, einen Akkustand von 3% an und arbeitete danach nur noch als Uhr – und als sonst nichts. Ab dann hatte ich also nur noch die Markierungen und die Karte.

Erster am VP!

Nach sieben Kilometern kamen wir am Heidepark Soltau vorbei. Dort hatte ich mich vor zwei Jahren ein wenig verlaufen. Diesmal wusste ich Bescheid. Und San Seppo kannte die Strecke ja auch. Wir machten also nur schnell ein paar Fotos und liefen zielsicher an den Kassenhäuschen vorbei, über den Parkplatz und wieder in die „Wildnis“.

Der Lauf machte von Anfang an Spaß. Ich unterhielt mich viel mit San Seppo, davor auch gelegentlich mit Bernd, mit dem ich vor zwei Jahren fast die ganze Zeit zusammen gelaufen war, und den anderen Läufern.

San Seppos Taktik hatte einen lustigen Nebeneffekt: In unseren Gehphasen wurden wir anfangs immer wieder überholt. Da wir in den Laufphasen aber schneller waren als die Anderen, überholten wir sie dann wieder.

Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit schien dabei ein wenig höher zu sein als die der anderen Läufer, so dass wir uns Laufphase für Laufphase weiter vorarbeiteten und schließlich auch in den Gehphasen nicht mehr eingeholt wurden.

Als bei km 10 der erste VP in Sicht kam, fiel mir auf, dass ich wohl noch niemals bei einem Lauf nach 10 km in Führung lag. Aber hier war das so: Wir waren ganz vorne. Kurz vor dem VP lieferten wir uns dann ein Spaßduell: Ein kleiner Sprint, den San Seppo mich allerdings gewinnen ließ.

Dadurch war ich zum ersten Mal überhaupt bei einem Lauf als erster an einem VP. So fühlt sich also die Elite.

Und bereits bei diesem VP erwartete uns das, was uns den ganzen Tag begleiten sollte: Unheimlich nette, tolle Helfer und ein super ausgestatteter VP. Es gab so viel Auswahl, dass das Anlaufen der VPs immer wieder toll war.

Unter Anderem gab es selbstgemacht Energieriegel. Wahnsinnig lecker. Aber weil mir sowas gerne mal schwer im Magen liegt, habe ich mich zusammengerissen und nur ein kleines Eckchen davon genommen.

Während wir unsere Trinkbehälter (ich: Trinkrucksack, er: Trinkflaschen) auffüllten, trafen auch bereits die nächsten Läufer ein. Wir liefen dann als erste wieder los und starteten bestens gelaunt in die zweite Etappe.

VP 2: Führung verteidigt

Über die Landschaft muss ich nicht viel berichten. Es war dieselbe wie vor zwei Jahren. Das Wort atemberaubend beschreibt sie vielleicht am besten. Am Himmel war keine Wolke zu sehen. Alles war bestens.

Die Strecke führte über einen Spielplatz. Und auf dem Spielplatz gab es eine von diesen Seilbahnen. An beiden Seiten der Seilbahn war eine Markierung: Weißes „H“ auf schwarzem Hintergrund. Das war für uns eine klare Anweisung:

Wir mussten uns das Rutschding holen und die Seilbahn benutzen.

Nachdem wir ein paarmal hin- und hergelaufen und geglitten sind, setzten wir unseren Weg fort ohne die anderen Spielgeräte weiter zu beachten.

Bei km 23 in Bispingen erwartete uns das angekündigte Frühstück. Und immer noch lagen wir beide in Führung und folgten der San Seppo Taktik. Und wieder ließ er mich den VP als erster anlaufen. Immer noch Elite. Wahnsinn.

Aber keine Sorge: Ich wusste natürlich, dass ich nicht vorne bleiben würde. Und auch meine aktuelle Führung war eigentlich keine. Die später gestarteten Läufer legten die Distanz zum 1. und dann auch zum 2. VP viel schneller zurück als ich. Aber da sie mich noch nicht überholt hatten, war ich nun einmal mit San Seppo als erster dort und durfte mich so fühlen wie ein Schneller.

Am VP drückte Elke mir direkt eine Tüte mit zwei bereits belegten Brötchen in die Hand. Ich nutzte die kurze Pause um mich reichlich mit Sonnencreme einzureiben. Das wiederholte ich mehrfach an diesem Tag. Und tatsächlich habe ich mir keinen Sonnenbrand geholt, obwohl ich fest damit gerechnet hatte.

Die Tüte entsorgte ich noch am VP und aß die beiden Brötchen im Gehen. Während ich beim ersten VP noch vernünftig war und nicht viel gegessen hatte, stopfte ich nun ziemlich rein. Ein großer Fehler: Das Essen lag mir sehr schwer im Magen.

Ich wusste, dass ich nun ein wenig Zeit brauchen würde um zu verdauen, versuchte aber noch ein Weilchen an San Seppo dranzubleiben. Er hielt seine Taktik eisern durch und passte sie nur hier und da den Gegebenheiten an.

Kurz vor einer besonders schönen Stelle verschwand er im Gebüsch. Da ich annahm, dass er mich ohnehin bald einholen würde, setzte ich meinen Weg fort. Man konnte in ein Tal schauen. Sehr viele Bäume. Es ging am Rand des Berges einen schönen Weg hinunter.

An diese Stelle konnte ich mich gut erinnern: Das fand ich damals bereits unheimlich schön. Es ging dann rechts rein – und auch an diese Stelle konnte ich mich gut erinnern: Hier war ich damals umgeknickt. Diesmal also besonders vorsichtig.

Danach kam ich an eine Straße und war mir völlig sicher, dass ich nach rechts musste. Aber hier, wie auch an manch anderen Stellen, bemerkte ich, dass meine Erinnerung mir einen ganz schönen Streich spielte. Viele Passagen hatte ich einfach ausgeblendet. In meinem Kopf folgten diverse Stellen direkt auf einander, zwischen denen in Wirklichkeit mehrere Kilometer lagen.

Tja, ich lief also nach rechts. Bereits nach ein paar Dutzend Metern stellte ich fest, dass ich falsch war und drehte mich um. In dem Moment sah ich San Seppo über die Straße huschen. Hmmm… Hatte er mich gesehen? Wenn ja: Wieso rennt er einfach weiter? Ist ja eigenartig. Habe ich etwas falsches gesagt und ihn beleidigt? Oder war es ihm nun einfach zu blöde mit mir lahmer Ente zu laufen?

Wie auch immer: Nun wusste ich ja wo ich entlang musste und lief ihm hinterher. Ein Weilchen war er noch in Sichtweite. Doch da er schneller war als ich verschwand er nach einiger Zeit dann doch.

Da ich vor dem Lauf vergessen hatte mir Franks Handynummer für den Notfall abzuspeichern, schickte ich San Seppo eine kurze Nachricht per Facebook und bat ihn um Franks Nummer.

Er antwortete prompt und fragte wo zum Henker ich stecke und wieviel Vorsprung ich denn nun habe. Aha. Er hatte mich also gar nicht gesehen und war auch nicht beleidigt. Beruhigend. Ich klärte ihn kurz darüber auf, dass er mich bereits überholt hatte. Nach seiner Einschätzung war er nur kurz vor mir.

Schließlich kam ich an einer Wasserstelle an. Eigentlich sollte sie unbesetzt sein. Aber Frank und co. schauten dort wohl gerade nach dem Rechten. Das war ganz gut für mich. Denn obwohl ich mich an diese Wasserstelle sogar noch erinnern konnte und obwohl sie an derselben Stelle war wie damals, sah ich sie nicht sofort.

Die Aufholjagd

Die Sonne stand nun bereits recht hoch und knallte erbarmungslos auf uns hinab. Ich hatte Glück, dass ich die Wasserstelle gefunden hatte. So konnte ich meinen Trinkrucksack noch einmal füllen und auch meine Mütze in kaltes Wasser tauchen. Das habe ich bei den restlichen VPs leider immer wieder vergessen. Aber hier habe ich es gemacht. Und es war angenehm.

San Seppo war noch immer irgendwo vor mir. Aber wohl nicht weit. Die Landschaft war nun immer weiter und weniger waldig. Wir kamen in richtig prächtige Heidelandschaften. Wunderbar. Aber bei der Sonne eben auch ziemlich anstrengend.

Wieder der Stein mit der Aufschrift: „Schöne Aussicht“. Und wieder habe ich den Miniumweg in Kauf genommen und die Aussichtsstelle genossen. Dann kam ich an einem Schafstall vorbei und sah ich in recht geringer Entfernung ein grünes Hemd. San Seppo. Ich war gerade ein wenig schneller als er. Mir ging es bestens – und ich lief und lief und lief. Irgendwann drehte er sich um, sah mich und ging dann noch langsamer, so dass ich ihn problemlos einholen konnte.

Er hatte die letzte Wasserstelle übersehen und nicht mehr wirklich viel zu trinken dabei. Allerdings sollte der nächste VP auch schon bald kommen. Wir liefen und gingen nun wieder gemeinsam. Allerdings wollte ich nun nicht mehr mit der San Seppo Taktik arbeiten, sondern nur noch auf meinen Körper hören. Die Sonne und die immerhin bereits ganz ordentliche Strecke forderten nun immer häufigeres Gehen von mir. Und so machte ich es dann auch.

Irgendwann kurz vor dem endlos langen, aber sehr schönen, Pastor Bode Weg, trennten wir uns wieder. Diesmal allerdings absichtlich. Ich war San Seppo eindeutig zu langsam und bremste ihn. Er war mir zu schnell, so dass ich mich stärker anstrengte als ich es normalerweise gemacht hätte. Sowas kann nicht lange funktionieren. Deshalb wünschten wir uns gegenseitig viel Erfolg und kämpften nun jeder für sich.

Er lief sofort wieder los, während ich  mir erst einmal meine Kopfhörer herausfummelte und Musik in die Ohren packte. Manchmal läuft es sich leichter mit Musik. Und tatsächlich: Eine wunderschöne Gegend, gut belaufbare Wege und mitreißende Musik in den Ohren. Und schon war auch ich wieder im Laufschritt. Und zwar richtig lange.

Auf dem Pastor Bode Weg gibt es ein Stempelhäuschen für Wanderer. Davon sollten wir uns einen Stempelabdruck holen – quasi als Nachweis dafür, dass wir dort waren. Eigentlich total überflüssig. Denn erstens würde von den Teilnehmern vermutlich niemand auch nur auf die Idee kommen bewusst abzukürzen oder sonstwie zu betrügen. Und zweitens: Wer würde sich diese wunderschöne Landschaft entgehen lassen? Ich fand es wirklich klasse. Aber den Stempelabdruck habe ich mir natürlich trotzdem geholt. So wie auch schon einige andere vorher, die eigentlich gar nicht gefordert waren.

Nach dem Pastor Bode Weg muss man durch ein Gatter, über eine Wiese und wieder durch ein Gatter. Auf der Wiese sah ich einen Waschlappen liegen und fragte mich, ob den wohl einer der Läufer verloren hatte. Ich hatte sowas nicht dabei. Aber viele Läufer nehmen Waschlappen oder Schwämme mit, um sich bei Gelegenheit ein wenig abkühlen zu können, wenn irgendwo Wasser auftaucht. Schwamm eintauchen und unter die Mütze klemmen kühlt den Kopf sehr effektiv. Später erfuhr ich, dass meine Gedanken gar nicht so verkehrt waren: Tatsächlich hatte San Seppo den Waschlappen verloren.

Es hätte natürlich auch ein anderer Läufer sein können. Mittlerweile waren die 6:00 Uhr und 7:00 Uhr Starter beinahe alle an mir vorbeigezogen. Von den 05:15 Uhr Startern war aber nach wie vor nur San Seppo vor mir.

Irgendwo auf dem Pastor Bode Weg war mir vor zwei Jahren das Wasser ausgegangen. Wohl auch wegen dieser Erfahrung hatte ich diesmal vorsichtiger getrunken und noch immer Wasser im Trinkrucksack. Bis zum nächsten VP in Undeloh waren es noch ein paar Kilometer. Als ich dann durch Undeloh lief und den VP eine Weile nicht sah, hatte ich Sorgen, dass ich ihn vielleicht übersehen haben und daran vorbeigelaufen sein könnte. Und zu allem Überfluss passierte es nun doch: Mir ging das Wasser aus.

Aber alles halb so wild: Nur ca. zwei Hundert Meter weiter kam ein Parkplatz, auf dem ein vollwertiger VP eingerichtet war. Nach meiner Erinnerung gab es hier damals lediglich eine unbemannte Wasserstelle. Jetzt also ein kompletter VP – natürlich wieder inklusive toller Helfer. Ich füllte meinen Rucksack, trank vor Ort noch ein wenig, nahm wieder ein Eckchen von den tollen Energieriegeln und lief los. Ca. zwei km später wollte ich ein Foto machen und erschrak, weil ich meine Kamera nicht hatte. Ich muss sie in Undeloh liegen gelassen haben. Mist. Zurücklaufen wollte ich nicht. Der VP war bemannt. Ich musste mir also nicht wirklich Gedanken darüber machen, dass die Kamera geklaut werden könnte. Ich schrieb Frank eine SMS und bat ihn den Helfern kurz mitzuteilen, dass meine Kamera am VP liegen müsste. Tatsächlich lag die Kamera abends im Ziel und wartete auf mich.

Verlaufen – Level: Vollprofi!

Ich hatte mich im vorletzten Jahr mehrfach verlaufen. Wie weit kann ich nur grob schätzen. Ich hatte damals kein technisches Gerät, das in der Lage gewesen wäre den kompletten Weg aufzuzeichnen. Ein paar Kilometer waren es schon.

Aber meine Verläufer damals waren alle von derselben Art: Ich geriet ins Träumen und übersah das eine oder andere „H“ und lief geradeaus weiter statt abzubiegen. Irgendwann bemerkte ich, dass ich träumte und keine Ahnung hatte, wann ich das letzte „H“ gesehen hatte. Dann lief ich noch ein wenig weiter, stellte fest, dass tatsächlich kein „H“ mehr kam, drehte um und suchte den richtigen Weg. So lief es damals bei allen Verläufern. Ich ahnte immer schnell, dass ich falsch sein könnte.

Diesmal habe ich das mit dem Verlaufen viel gekonnter hinbekommen…

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Ich habe hier grün (mit Pfeilspitzen) den Weg gekennzeichnet, den ich hätte laufen sollen. Blau ist meine tatsächliche runtastic Aufzeichnung.

Was ist hier passiert? Nun, ich bin so gelaufen: (erst rot, dann braun)

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Von Undeloh aus hatte ich mich nach Wesel vorgekämpft und fühlte mich richtig stark. Ich war bestens im Lauf – viel besser als geplant. Hochgerechnet hätte ich gegen 22:00 Uhr im Ziel sein können. In Wesel war vor zwei Jahren der Haupt-VP im Gasthaus Heidelust bei km 60. Das Gasthaus war mittlerweile allerdings geschlossen. Der neue Haupt-VP mit Mittagsessen erwartete mich erst in Handeloh bei km 69.

Von Wesel aus ging es eine Straße mit Betonplatten (Panzerplatten) entlang. Das ist die Straße, die von rechts ins Bild kommt. Kurz vor Punkt 1 befindet sich auf der linken Seite in Laufrichtung ein Parkplatz, dann kommt ein winzig kleiner Hügel und dann geht es auch schon rechts hinein in den Wald. Auf der Karte also: An Punkt 1 musste ich nach rechts („oben“) abbiegen. Das habe ich auch gemacht. Es folgte ein längerer Waldweg. Und dort überholte mich plötzlich ein Fahrradfahrer. Nackt. Ein Handtuch hatte er locker über der Schulter hängen. Da er nun ein paar Sekunden vor mir fuhr prägte sich das Bild leider ein wenig ein: Nackter Mann auf einem Fahrrad. Anscheinend gibt es dort irgendwo einen FKK Bereich.

Irgendwann erreichte ich Punkt 2 und bin völlig korrekt nach rechts in Laufrichtung (nach links auf der Karte) abgebogen und zu Punkt 3 gelaufen. Und dort passierte der schlimme erste Fehler: Ich hatte im Kopf Undeloh und Handeloh verwechselt. Ich wollte nach Handeloh und war bereits in Undeloh gewesen – dort hatte ich ja meine Kamera vergessen. Aber mein Kopf sah auf einem Schild: „Undeloh“ und das Zeichen für den Heidschnucken Weg und war fest davon überzeugt, dass das mein Ziel war. Also bin ich in Laufrichtung nach links (auf der Karte nach unten) abgebogen und zu Punkt 4 gelaufen. Den Fehler habe ich anders als vor zwei Jahren nicht bemerkt, denn ich war tatsächlich immer noch auf dem Heidschnuckenweg. Die Verbindung von Punkt 3 über Punkt 4 zu Punkt 2 ist in der Karte als „Alternative“ aufgeführt und gehört zum Weg. Ich fand also regelmäßig „H“s und machte mir keine Sorgen. Ich wähnte mich auf dem richtigen Weg!

An Punkt 4 angekommen sah ich wieder Schilder. Wenn ich die Situation hier durchschaut hätte, hätte ich entweder direkt umkehren können Richtung Punkt 3 (beste Lösung) oder wenigstens Richtung Punkt 2 abbiegen können. Aber ich war gedanklich immer noch auf dem Weg nach Undeloh und dachte ich sei komplett richtig. Also lief ich weiter Richtung Punkt 1.

Mittlerweile war mir das Wasser ausgegangen. Meinem Gefühl nach hätte ich längst am VP sein müssen. Zwischenzeitlich wurde der Mund sehr trocken. Dagegen hilft: Mund schließen. Dann verdunstet die darin befindliche Flüssigkeit wenigstens nicht.

Ich befand mich nun auf einer elendig langen, frisch geteerten Straße. Leicht wellig ging es schnurgerade geradeaus. Der Weg kam mir eigenartig vor. Passte irgendwie nicht so recht zum Heidschnucken Weg – und auch nicht zu meiner Erinnerung. Aber zum Einen hatte meine Erinnerung mir ja schon so manchen Streich gespielt und zum Anderen sah die Straße wirklich ganz neu aus. Vielleicht gab es das hier damals so einfach noch nicht? Außerdem sah ich immer noch „H“s an den Bäumen. Allerdings waren sie gelb statt weiß. Irgendwie war das seltsam.

Irgendwann kam ich an einer Abzweigung an. Das war Punkt 1 – doch das erkannte ich in diesem Moment nicht. Hier sah die Straße frisch geteert aus. Direkt vor mir war ein kleines Hügelchen. Den dahinter liegenden Parkplatz und den Teil der Straße, der aus Betonplatten bestand, konnte ich also nicht sehen. Nichts kam mir bekannt vor. Nach links ging es in einen Wald hinein. Und hier fand ich Markierungen. Direkt am Wegschild war ein Zettel „H 111km“ befestigt mit einem Pfeil, der in den Waldweg zeigte. Außerdem ein paar Flatterbänder. Ich befand mich definitiv auf der Strecke. Aber trotzdem: Ich war mir nun sicher, dass etwas nicht stimmte. Die Markierungen befanden sich auf der falschen Seite. Es sah so aus als seien sie gar nicht für jemanden aus meiner Laufrichtung gedacht, sondern für jemanden aus der anderen Richtung. Noch immer erkannte ich nicht, dass ich vorhin ja tatsächlich aus der anderen Richtung hierher gekommen war. Die Gegend sah für mich neu aus. Ich vermutete, dass ich vielleicht versehentlich irgendwo abgekürzt haben könnte. Hatte ich den VP bei km 69 versehentlich übersprungen? Mist. Werde ich nun disqualifiziert? Woher bekomme ich nun Wasser? Hier gibt es weit und breit nichts. Das passte auch alles nicht zu meiner Wanderkarte. Ich hatte eindeutig die Orientierung verloren. Das war sicherlich der richtige Moment um Frank anzurufen, damit er mich ggf. wieder in die richtige Richtung lotsen kann. Allerdings befand ich mich gerade in einem Funkloch.

Also ging es erst einmal weiter. Immerhin befand ich mich ja definitiv auf der Strecke. Und nach einiger Zeit musste ich plötzlich an einen nackten Fahrradfahrer denken. Ich erkannte das Waldstück wieder. Hier war ich schon einmal gewesen. Ich muss im Kreis gelaufen sein. Also wieder in die Karte geschaut. Was ist passiert? Wo bin ich? Wie groß war der Kreis? Wann war ich hier gewesen – wieviel Zeit habe ich verloren?

Ich fand mich nicht auf der Karte. Meine runtastic Aufzeichnung zeigte keine Karte an, das hätte mir ja helfen können. Frank konnte ich wegen des Funklochs nicht erreichen. Hmmm… Was tun? Schritt 1: Ich habe Toni eine WhatsApp Nachricht geschickt und ihn gebeten auf runtastic nachzuschauen, was ich angestellt habe und wo mein Fehler war. Ich befand mich zwar in einem Funkloch. Aber sobald das Handy wieder mit der Welt verbunden sein würde, würde es die Nachricht ja rausschicken.

Nach kurzer Zeit meldete Toni sich tatsächlich, konnte mir aber zunächst nicht sagen wo ich war, weil die runtastic Aufzeichnung schon längere Zeit nicht aktualisiert worden war. Kurze Zeit später war es aber soweit und er konnte mir grob mitteilen wo ich steckte und wie ich weiter musste. Da ich aber nicht wußte, ob er nun tatsächlich einen aktuellen Stand sah (er konnte den Verläufer nicht sehen), wollte ich mich noch einmal bei Frank versichern. Ich rief ihn an und schilderte was ich so alles gesehen hatte. Ihm war sofort klar wo ich steckte und was ich falsch gemacht hatte. Ich bekam die klare Anweisung an der Stelle, an der ich vorhin nach links gelaufen war (Punkt 3) nach rechts zu laufen.

Die ganze Zeit während ich versucht habe die Situation zu klären, bin ich weiter gegangen. Und dabei habe ich an Punkt 2 die Abzweigung nach rechts verpasst. Auch hier habe ich nicht sofort den Fehler bemerkt, denn ich befand mich ja erneut auf der Alternativstrecke des Heidschnucken Wegs. An Punkt 4 angekommen, erkannte ich die Kreuzung allerdings wieder. Ich war ein wenig verblüfft und dachte Toni und Frank würden diese Stelle meinen mit: Lauf nach rechts, nicht nach links. Obwohl ich das falsch interpretiert habe, hatte ich an dieser Stelle Glück: Ich musste ja tatsächlich nach rechts.

Kurz vor Punkt 4 hatte ich ein Haus gefunden und durfte dort meinen Wasservorrat auffüllen. Dieses Hauptproblem hatte ich nun also gelöst. Jetzt musste ich zusehen, dass ich wieder richtig auf die Strecke kam. Wieviel Zeit ich verloren hatte und wie groß mein Umweg war, wusste ich nach wie vor nicht. Ich war mir sicher, dass mittlerweile alle anderen Läufer längst vorbeigezogen waren und befürchtete, dass ich am nächsten VP vielleicht wegen einer zu großen Verspätung aus dem Rennen genommen werden könnte.

Als ich an Punkt 4 nun nach rechts lief, erkannte ich die Gegend erneut wieder. Und ich bemerkte auch, dass ich vorhin hier in die andere Richtung gelaufen war. Was zum Henker bedeutete das denn nun wieder? Erneut war ich verunsichert. Ich glaubte zwar nun zu wissen wo ich mich befand, aber das Gefühl der Unsicherheit dominierte. Ich wollte mich nicht noch weiter verlaufen. Da kam ein Auto vorbei, das ich anhielt. Der Fahrer kannte sich aus und bestätigte mir sehr freundlich meine Vermutung über meine aktuelle Position und die Richtung, die ich nehmen musste.

Also lief ich in Richtung Punkt 3, nun wieder zuversichtlich zumindest auf dem richtigen Weg zu sein und nicht zu verdursten. Ein kleines Waldstück, das ich gut wiedererkannte, da es hier etwas matschig war und abgesägte Baumscheiben als Trittunterlage dienten, und dann kam ich an einer Abzweigung an: Punkt 3.

Und genau in diesem Moment kamen Christian und Martin (zwei 6:00 Uhr Starter) sowie Christian H. und Christine, die mit mir um 05:15 Uhr gestartet waren, ebenfalls, allerdings von der richtigen Strecke aus, an dieser Stelle an. Ich war also noch nicht einmal ganz hinten. Halleluja – ich war noch im Rennen!

Den Weg zum nächsten VP legte ich nun gemeinsam mit Christian (dem 6:00 Uhr Christian) zurück, wobei wir ein wenig quatschten und uns über die heutigen Problemchen austauschten.

Am VP angekommen wurden wir wieder einmal allerbestens versorgt. Es gab, je nach Vorbestellung, einen Teller frisch gekochte Nudeln mit Tomatensoße oder eine Nudelsuppe. Großartig!

An diesem VP traf ich nun auch noch einige weitere Läufer, darunter auch Bernd, mit dem ich vor zwei Jahren lange zusammen gelaufen war. Insgesamt drei Läufer(innen) waren zu diesem Zeitpunkt ausgestiegen. Die Hitze hatte also doch Opfer gefordert. Das Schönste an diesem VP ist die Erkenntnis: Jetzt nur noch etwa ein Marathon bis zum Ziel – 42 km noch. Und ein Marathönchen geht immer.

Auf nach Buchholz

Insgesamt hatte mich der Verläufer emotional ziemlich mitgenommen und zurückgeworfen. Vorher war ich auf Kurs Superzeit. Nun hatte ich mindestens zwei Stunden verloren – auch wenn es letztlich nur wenige km waren. Ich war dabei sehr, sehr langsam unterwegs gewesen. Ich hatte nun absolut kein Interesse mehr daran mich zu beeilen. Ich wollte einfach nur noch irgendwie ins Ziel kommen. Mein einziger Wunsch dabei: Innerhalb der ursprünglichen Cut Off Zeit bleiben. Auch wenn diese aufgehoben worden war.

Am VP brach im Grunde genommen jeder für sich auf. Die 06:00 Uhr Starter Christian und Martin blieben zusammen, Christian H. und Christine blieben zusammen, ich startete einzeln und auch Bernd lief alleine weiter.

Nach kurzer Zeit holte ich Christian H. und Christine ein und überholte sie. Bei Christian und Martin war es ganz lustig: In dieser Phase des Laufs war ich immer wieder abwechselnd am Gehen und am Laufen. Laufend konnte ich die beiden überholen, gehend waren sie allerdings schneller und zogen wieder an mir vorbei.

Irgendwann waren meine Blasen an den Füßen so schlimm, dass ich mich ein wenig damit beschäftigten musste. In dieser Zeit zogen die beiden von dannen und blieben dann auch erst einmal vor mir. Obwohl ich nicht an einen großen Vorprung meinerseits glaubte, holte mich erstaunlicherweise niemand ein.

Diese Phase des Laufs war ein wenig zermürbend: Einerseits war es noch eine ganz ordentliche Strecke, andererseits taten die Füße bereits weh – und der Verläufer saß immer noch im Hinterkopf. Aber dennoch kam ich recht gut voran. Aus Angst vor weiteren Verläufern hatte ich nun bis Buchholz ständig die Karte in der Hand und versicherte mich bei jeder Abzweigung doppelt, dass ich alles richtig machte. Nur einmal war ich kurz verwirrt. Da hing ein Ballon an einem Busch – und es waren Pfeile aus Sägespänen auf dem Boden. Eigentlich typische Laufwegmarkierungen. Aber auf dem Ballon stand, man solle den Pfeilen folgen und den Piratenschatz ausgraben. Ah, eine Schnitzeljagd. Hat nichts mit mir zu tun. Prima.

In Buchholz erwartete mich 26 km vor dem Ziel wieder der unglaublich schöne VP im Garten der Familie Bechtle, wenn ich den Namen richtig verstanden hatte. Mir wurde ein frischer Tee gebrüht, es gab wunderbare Muffins, viele andere Dinge und natürlich auch frisches Wasser. So langsam hatten wir auch die Hitze überstanden. Es war bereits nach 20:00 Uhr und wurde kühler.

Am VP trafen wir uns auch alle wieder: 6:00 Uhr Christian und Martin waren noch am VP, Bernd traf kurz nach mir ein – und auch Christian H. und Christine erschienen kurz später. Meine Füße taten mittlerweile so stark weh, dass ich mir sicher war keinen Schritt mehr laufen zu können. Ich würde versuchen müssen das Ding gehend zu Ende zu bringen. Das würde ca. 5 Stunden zügiges Gehen bedeuten, für eine Strecke, die ich sonst problemlos in 2:45 Stunden zurücklegen kann. Aber trotzdem müsste ich innerhalb der Cut Off Zeit ankommen. Und nur das zählte noch für mich. Bernd ging es ähnlich. Er konnte auch nicht mehr laufen und wollte den Rest der Strecke gehen. Also beschlossen wir das nun wieder gemeinsam zu machen – ähnlich wie bereits vor zwei Jahren.

6:00 Uhr Christian und Martin brachen als erste auf, direkt gefolgt von Bernd und mir, Christian H. und Christine starteten erst nach uns.

An der Überführung beim Bahnhof Buchholz (Nordheide) hatten Bernd und ich uns damals verlaufen, weil die Markierungen missverständlich waren. Offenbar haben die Verantwortlichen dafür meinen damaligen Laufbericht gelesen: Die Markierungen waren jetzt absolut klar und unmissverständlich. Naja, vielleicht wurden da auch nur die Treppengeländer saniert und die Markierungen nebenbei neu angebracht. Wer weiß…

Richtung Ziel

Mit Bernd zusammen verging die Zeit deutlich schneller als alleine. Wir quatschten viel und tauschten immer wieder Gedanken darüber aus, was unserer Erinnerung nach alles noch kommen müsste. Der Park in Buchholz, ein paar Felder in der Nähe von Autobahnen, eine Brücke, hinter der eine Kiesgrube lag und so weiter.

Immer wieder passten die Erinnerungen ganz gut. Aber bei uns beiden gab es auch immer wieder einige Lücken. Gut, dass es nicht nur mir so geht. Wir verliefen uns nicht und kamen anständig voran. Bereits recht früh rechneten wir hoch wie lange wir brauchen würden. Um 21:39 Uhr schickte ich Simone, die mich ja abholen wollte, die Information, dass wir wohl noch 4 Stunden brauchen würden. Und am Ende lagen wir mit dieser Schätzung nur ca. drei Minuten daneben.

Die Blasen waren so schlimm, dass ich den Schmerz aktiv verdrängen musste. Bei einigermaßen ebenen und harten Untergründen funktionierte das ganz gut. Da kommt der Schmerz so regelmäßig, dass man sich darauf einstellen kann. Immer, wenn wir über Feld- und Waldwege mussten und die Füße sich dem Boden stärker anpassen mussten, hatte ich größere Probleme. Aber immerhin: Es ging voran – und ein DNF kam jetzt nun wirklich nicht mehr in Frage.

Irgendwann kamen wir in Langenrem an. Dort stand wie erwartet das Schild, das uns aufforderte hier den Heidschnucken Weg zu verlassen und nach Roadbook Angaben zu laufen. 11,9 km noch bin zum Ziel. Man kommt direkt bei einer Bushaltestelle an einer Hauptstraße raus. Im nächsten Haus auf der linken Seite ist ein VP eingerichtet. Da wir allerdings beide noch genügend Wasser im Rucksack hatten und keine weitere Zeit verlieren wollten ließen wir den VP aus. Es wäre sicherlich besser gewesen, wenn wir dort zumindest mal kurz „Hallo“ gesagt hätten. Immerhin wurden alle Läufer an den VPs registriert, damit niemand irgendwo auf der Strecke verloren geht. Daran hatten wir in dem Moment aber gar nicht gedacht.

Ich nahm mein laminiertes Roadbook und gab die Richtungsanweisungen. Bernd hatte noch eine funktionierende Laufuhr und übernahm die Kontrolle der Entfernungen. Ich sagte also: „Jetzt 1400m geradeaus. Danach müssen wir nach links in die Hauptstraße.“ Er stoppte die 1400m. Danach kam die nächste Anweisung. Wir schafften es ohne größere Zwischenfälle und erreichten das Ziel um 01:42 Uhr. Viel langsamer als vor zwei Jahren. Aber wen interessiert das schon? Geschafft ist geschafft. Und der Ärger über meinen blöden Verläufer wich dann auch der Freude darüber es wieder geschafft zu haben.

Im Ziel wurden wir wieder großartig empfangen. Simone war bereits vor Ort. Elke gab uns noch ein warmes Gericht zu Essen. Etc.

Nachwirkungen

Ich habe nach Läufen normalerweise keine größeren Probleme. Und auch diesmal gab es keinen Muskelkater, keine Krämpfe, nichts in dieser Art. Nicht einmal die Hitze, auf die ich meistens eher empfindlich reagiere, hat mir viel ausgemacht.

Aber ich hatte in meinem Leben noch nie so viele Blasen und wunde Stellen an den Füßen.Bereits unmittelbar nach dem Zieleinlauf konnte ich praktisch überhaupt nicht mehr auftreten. Ich döste im Auto ein wenig weg und konnte auch Zuhause kaum aussteigen. Die Nacht verlief sehr unruhig: Einerseits war ich unendlich müde, andererseits taten die Füße so dolle weh, dass ich nicht wirklich schlafen konnte.

Selbst heute, am Montag humpelte ich übelst durchs Büro. Das provozierte Kommentare wie: „Na, warst Du wieder laufen?“ oder „Warum tut man sich das an?“. Zum Glück regeneriert der Körper sehr schnell. Am Abend konnte ich bereits einigermaßen vernünftig stehen und gehen. In den nächsten Tagen werden die Nachwirkungen verschwinden. Wie heißt es so schön: „Der Schmerz vergeht – aber der Stolz bleibt!“

Als Fazit bleibt zu sagen, dass es sich um einen der schönsten und spannendsten Läufe handelt, an denen ich bisher teilgenommen habe. Und auch, wenn es puren Stress verursacht, gehört die Möglichkeit sich zu verlaufen für mich bei diesem Lauf einfach dazu. Wer hier mal mitmachen möchte sollte in meinen Augen auf GPS Führung verzichten und es tatsächlich mit den Markierungen und der Karte versuchen. Es ist ja nicht jeder so blöde wie ich… Rückblickend finde ich den Verläufer eigentlich wieder ganz unterhaltsam und bin irgendwie sogar froh, dass der Akku der Uhr nicht durchgehalten hat.

Die Organisation war wieder einmal absolut perfekt und ließ keine Wünsche offen. Die Helfer an den toll ausgestatteten VPs waren großartig. Und die Mitläufer sind einfach eine große Familie.

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Kategorien: 2016, Dies und das | Hinterlasse einen Kommentar

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